Li Shangyin

Sunday, September 10, 2006

Vom Wind getrieben


(Leben und Werk von Li Shangyin)
Cuvillier Verlag Göttingen 1999.
Dissertation (334 Seiten)


Es ist das einzige umfassende Buch in deutscher Sprache über den großen tang-zeitlichen Dichter und seine Dichtung.

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Das Buch ist als Literatur für das Hauptseminar (WS 2006/07) der Abteilung für Sprache und Geschichte Chinas (Sinologie) der Universität Bonn ausgewählt.
http://www.sinologie.uni-bonn.de/

Der Verfasser


Dr. László Hankó (Japanisch: 略歴 )

Siehe noch:

Gutachten und Meinungen

In Vorbereitung

Li Shangyins Leben


Die Stationen von Li Shangyins Leben
und dichterischer Laufbahn

Sein Leben wird gewöhnlich in drei Abschnitte aufgeteilt:
1) Von seiner Geburt bis zur Eheschließung im Jahr 838. Das Jinshi-Examen und der Tod von Linghu Chu (das erste Ereignis am Anfang, das zweite am Ende des Jahres 837) können ebenfalls als wichtige Meilensteine in seinem Leben betrachtet werden.
2) Von 838 bis 847. Die Zeit, welche er in Ämtern auf dem Land bzw. in Chang'an verbrachte, war mit Trauerzeit und Reise in den Süden unterbrochen.
3) Von 847 bis zu seinem Tod: unstetes Leben im Dienst von Militärgouverneuren in entfernten Gebieten Chinas.
Diese drei Abschnitte lassen sich besonders in der Sicht der Hoffnung in seinem Leben sehr gut teilen und auf folgende Weise charakterisieren: In seinem ersten Lebensabschnitt war er in vollkommenem Bewußtsein der eigenen Begabung und galt auch in Augen von anderen als großer Hoffnungsträger. Trotz der Rückschläge ab 838 hatte er unverändert eine hartnäckige Hoffnung. Ab 847 befand er sich nur noch zwischen Hoffnungslosigkeit und einer verbitterten Hoffnung, daß es für ihn vielleicht doch einen Lichtblick gibt.
1. Lokale Herkunft und Abstammung
Li Shangyin (im weiteren: LSY) lebte zwischen 813 (812?) und 858. Mit Mannesnamen (zi) hieß er Yishan. Er hatte zwei literarischen Namen (hao): Yuxisheng und Fannansheng. Die beiden hao spielen auf die angestammte Heimat seiner Familie an:
Yuxi ist eine Schlucht im Wangwu-Gebirge, nördlich von dem Gelben Fluß, an der NW-Grenze der heutigen Provinz Henan, im NW des Kreises Jiyuan. Sie soll sich an dem Berg Yuyang befinden, wo LSY sich 836 mit dem Taoismus beschäftigt hatte. Es lag etwas westlich von seinem Heimatort in Huaizhou (siehe unten). Yuxi ist gleichzeitig der Name eines Baches, der an der Südgrenze von Shanxi in den Qin-Fluß mündet.
Mit Fannan bezeichnete man den südöstlichen Teil des Kreises Jiyuan. Andere sehen darin einen Hinweis auf einen südlichen Vorort von Chang'an, wo LSY zwischen 836-41 seinen Wohnsitz gehabt haben soll.
Vor LSYs Geburt lebte die Familie im Kreis Henei in der Tang-Provinz Huaizhou. Dieser Ort wird als sein Heimatort angesehen, obwohl sein Großvater nach Yingyang (westlich von Zhengzhou) umgezogen ist, wo LSY geboren ist.
Aber seine Vorfahren stammen ursprünglich aus mehr westlich liegenden Gegenden: "Eure Heimat ist nördlich von (Gelben) Fluß, meine (dagegen) liegt in Shanxi." Unter Shanxi verstand man gewöhnlich das Gebiet westlich vom Taihangshan bis zu Süd-Gansu hin. In dem letzteren Ort befand sich einst die Kommandantur Longxi, die von vielen Familien mit dem Familiennamen Li als Urheimat betrachtet wurde, nicht zuletzt von der LSYs verarmten Aristokratenfamilie, deren Abstammung auf denselben Ahnen zurückzuführen ist, wie die der Kaiserfamilie der Tang. Der gemeinsame Ahne soll keine andere Person als der Gründer des kurzlebigen Westlichen Liang (400-421 in Xinjiang und West-Gansu), Li Gao (357-417) aus Longxi, Kreis Chengji gewesen sein. Li Gao war ein Nachkomme in der sechzehnten Generation des berühmten Generals der Hunnenkriege, Li Guang (gest. -119) aus Longxi, Kreis Chengji. Li Gaos Nachkomme in der siebten Generation war der erste Tang-Kaiser, Li Yuan, der laut JTS ebenfalls aus Longxi, Kreis Chengji stammte. Die Verwandschaft jedoch, die demnach zwischen der Familie von LSY und dem Herrscherhaus bestehen sollte, wurde vom letzteren nicht anerkannt.
Durch viele Generationen besaß die Familie weder Einfluß, noch Vermögen; es gab nur das brüchige Bewußtsein von einer adligen Abstammung, die vielleicht bis zum Laozi zurückzuführen sein könnte wie die der Tang-Kaiser.
LSYs Ururgroßvater, Li She brachte es nur bis zur Stellung eines Vorstehers im Kreis Meiyuan (NO von Chang'an, auf der nördlichen Seite des Wei-Flusses). Sein Urgroßvater Li Shuheng hatte das gleiche Amt im Kreis Anyang (N-Henan), laut JTS bestand er die Jinshi-Prüfung mit 19 Jahren. Er soll bereits mit 29 gestorben sein. Der Großvater Li Fu war Archivar in Xingzhou (S-Hebei). Er starb auch sehr früh an einer Krankheit. Der Vater Li Si war gerade Vorsteher im Kreis Huojia (N-Henan), als LSY zur Welt kam, und starb im Jahr 821.
Die Tatsache, daß alle seiner Vorfahren - trotz der Abstammungsmythen und der vermeintlichen Verwandschaft mit dem Kaisergeschlecht Li - es nicht geschafft hatten, aus eigener Kraft zu etwas zu bringen, und daß dieses Schicksal allmählich auch über ihn Oberhand bekam, sollte später im Hintergrund auf die weitere Gestaltung seines Lebens und poetischen Werkes hinauswirken.
2. Die Jugendjahre
Er ist als das viertälteste Kind und der älteste Sohn unter den neun Kindern des Li Si geboren. Seine drei älteren Schwestern starben früh (die zweite im folgenden Jahr seiner Geburt). Im allgemeinen wird 813 als sein Geburtsjahr angesehen, basierend auf seinem 837 geschriebenen Brief (an Cui Guicong) , wo er erwähnt, daß er 25 Jahre alt sei.
In den Wintermonaten 814-15 wurde Li Si von seinem Dienst in Huojia enthoben und ging mit seiner Familie nach Süden. Es folgten sechs Jahre des Wanderlebens im unteren Yangzi-Gebiet. Li Si war erst als Berater (muliao) des Inspektionskommissars (guanchashi) Meng Jian (? - 823) in Ost-Zhejiang (in der Gegend der heutigen Shaoxing) tätig, bis Meng im 8. Monat 817 in die Hauptstadt zurückbeordnet wurde. Li Si ging dann mit seiner Familie nach Jiangsu und setzte dort die gleiche Tätigkeit unter dem Präfekt von Runzhou (in dem heutigen Kreis Zhenjiang) bis zu seinem frühen Tod fort. Die Mutter kehrte dann mit den Kindern und dem Sarg nach Yingyang zurück. Nach dem Verlauf der Trauerzeit zog die Familie nach Luoyang. "In der Welt gab es (für uns) keinen Ort, wohin wir hätten heimkehren können, in der ganzen Sippe gab es keinen Verwandten, auf den wir uns hätten stützen können", beklagt er die jämmerliche Lage in der Trauerschrift für seine ältere Schwester, Frau Pei. Der Umzug geschah 823.
Die Familie befand sich in großer Armut, LSY mußte als Kind für den Unterhalt der Familie auch seinen Anteil leisten, indem er beauftragt wurde, Texte abzuschreiben, zu hausieren und für andere Reis zu schälen. Er wurde zwar schon seit seinen jüngsten Jahren Schreiben und Lesen gelehrt, qualifizierten Unterricht bekam er aber erst im Heimatort, wo einer seiner Onkel väterlicherseits als zurückgezogener Gelehrte (chushi) lebte. Dieser Onkel hatte seine besondere Begabung in der Prosa und im Gedicht des alten Stils (guwen, gushi), der poetischen Beschreibung (fu) und der Kalligraphie. Dementsprechend bemächtigte sich der junge LSY derselben Gattungen, um sich eine feste Grundlage zu verschaffen; später jedoch bediente er sich beim Schreiben kaum dieser Gattungen. Sein Onkel Li besaß außerdem hohe moralische Prinzipien, die auf LSY ebenfalls bleibenden Einfluß ausgeübt hatten.
Von den in der Biographie von Feng Hao für die Jahre zwischen 825-28 angegebenen 9 Gedichten ist nur die Datierung des Gedichts Wu ti (Ba sui tou zhao jing) glaubhaft.
In LSYs Jugendzeit gab es neben den einigen positiven Erlebnissen (die Schönheit des Südens in Zhejiang und Jiangsu, oder sein Onkel als moralisches Vorbild) vor allem viele negativen Eindrücke, die in der Zukunft dazu beitragen werden, seiner Dichtkunst das Gepräge zu geben: die Mythe der Abstammung ohne Anerkennung, die Erfolglosigkeit seiner Vorfahren durch Generationen, viele frühe Todesfälle in der Familie, und unstetes Leben und Armut, was auch ihm zuteil wird.
3. Unterstützt von Linghu Chu und Cui Rong (829-34)
Die Familie Li lebte schon seit 823 bzw. 825 in Luoyang. Der 17-jährige Junge suchte im Jahr 829 den zur Zeit in Luoyang amtierenden mächtigen Staatsmann, Linghu Chu (766-837) auf, um ihm seine Prosawerke und Gedichte zu zeigen, in der Hoffnung, von ihm die für eine Karriere so unentbehrliche Unterstützung und Empfehlung zu erhalten. LSYs Begabung soll den 64-jährigen so tief beeindruckt haben, daß er ihn zusammen mit seinen Söhnen unterrichtete. LSY begleitete ihn im Winter 829 im niedrigen Amt eines Inspektors nach Shandong.
Für den jungen LSY bedeutete es nicht nur einen vielversprechenden Anfang. Linghu Chu war Meister in pianwen (so begabt in dieser Gattung, wie Han Yu im guwen und Du Fu im shi). Er soll seine ganze Erfahrung und Wissen seinem Schützling voll übermittelt haben während der etwa vier Jahre, die LSY unter ihm erst in Shandong, dann ab dem 2. Monat 832 in Taiyuan verbracht hatte. Der kaum 20 Jahre alte LSY kannte sich schon in allen Kniffen des pianwen aus, und diese Kenntnisse machte er sich später in seiner Dichtung durch (für pianwen charakteristischen) Gebrauch von Gegenversen, Parallelen und Anspielungen reichlich zunutze. Seine Dichtkunst wurde früh durch Merkmale von pianwen geprägt, welcher Umstand auch ein Grund der Schwerverständlichkeit seiner Gedichte sein kann.
Für Linghu Chus selbstlose Hilfe bedankt er sich nicht nur in Prosa, sondern auch in Gedichten. Er hatte das Glück, einen mächtigen Gönner gefunden zu haben, der ihn wie seinen Sohn behandelte. Er besaß jede Hoffnung, durch Linghus Untersützung, die sein eigenes Talent (sei es auch so groß) effektvoll ergänzt, in der Zukunft eine glänzende Karriere machen zu können.
Im Jahr 833 ging LSY mit Linghu Chus finanzieller Unterstützung in die Hauptstadt, um an der Jinshi-Prüfung teilzunehmen, aber er fiel unglücklicherweise durch.
Im 2. Monat 832 wurde Linghu Chu nach Taiyuan versetzt, und LSY folgte ihm. Im 6. Monat des folgenden Jahres, als Linghu in der Hauptstadt ein Amt erhielt, ging LSY nach Zhengzhou zurück. Der dortige Präfekt machte ihn mit dem Präfekten von Huazhou, Cui Rong bekannt, der sich LSYs annahm und ihn auf eigene Kosten nach Huashan schickte, um dort zu studieren. Im 834 folgte er Cui Rong auch nach Shandong, wo dieser bald an einer Krankheit starb. Sein Tod bedeutete für LSY einen großen Schlag.
Im Jahr 835 machte er einen neuen Versuch, die Staatsprüfung abzulegen. In seinem Brief berichtet er davon, daß er 834 wegen Krankheit nicht an der Prüfung teilnehmen konnte. Im Winter 834-35 ging er (wieder mit Linghus Unterstützung) nach Chang'an, aber der Examinator ließ ihn durchfallen.
4. Liebesaffären (835-36)
Die Zeit zwischen der nicht bestandenen Prüfung (Anfang 835) und Linghu Chus Tod (Ende 837) ist bezüglich LSYs Leben nur schwer zu rekonstruieren.
835 kam er nach Zhengzhou bzw. Luoyang, etwa in diesem Jahr soll er auch Lu Hongzhi, von dem er später Hilfe bekam, kennengelernt haben.
Die erste seiner uns bekannten zwei Liebesaffären geschah im 835 in Luoyang, und ist mit einem Mädchen namens Weidenzweig zu verbinden. So sehr gefielen dem Mädchen LSYs Vier Gedichte über die Terrasse von Yan, die LSYs Vetter vor ihr rezitiert hatte, daß sie mit dem Dichter Kontakt aufnehmen wollte. Aber die beiden trafen sich nur einmal. Nach einem Jahr widmete LSY ihr die Fünf Weidenzweig-Gedichte (Vierzeiler im Yuefu-Stil der Südlichen Dynastien), in deren Vorwort er - im Gegensatz zu seinen späteren Liebesgedichten - verblüffend offen die Umstände seiner Begegnung mit dem Mädchen und des Ausgangs der Bekanntschaft beschreibt.
836 schlug er Linghu Chus Einladung, mit ihm nach Xingyuan zu kommen, ab, und ging mit seiner Mutter von Zhengzhou nach Jiyuan, wo er sich auf den Berg Yuyang (im Wangwushan-Gebirge) zurückzog, um sich dem Studium der Tao-Lehre zu widmen. Aber ausgerechnet in diesem "abgeschiedenen Einsiedlerleben" fand er seine zweite Liebe, welche durch die Gedichte (die auf spätere Zeiten datierbar sind) gar nicht eindeutig belegbar ist. Er soll sich in eine taoistische Nonne verliebt haben, wobei auch vermutet wird (was aber unwahrscheinlich ist), daß es sich um Geschwister handelt.
Das erste Gedicht, in dem er seine Zuneigung für taoistische Nonnen (überhaupt für Frauen) zeigte, schrieb er im Jahr 830 in Yunzhou auf einem Bankett in Linghu Chus Hauptquartier. Er schildert die Schönheit der Nonnen, von denen einige nicht besser als Kurtisane waren, und ihre Verführungskraft, die so gewaltig sei, daß "ihretwegen selbst der buddhistische Mönch sein Gelübde zu brechen bereit ist und auch der Zensor von seinen Pflichten absehen möchte".
Auf dem Berg Yuyang soll die Nonne entweder in einem Kloster gewohnt, oder als Kammermädchen in einem der dort errichteten Palästen ihrer Herrin gedient haben. Auf die Geschehnisse zwischen den Liebenden kann man höchstens von den wenigen diesbezüglichen Gedichten schließen. Aber die Gedichte, die in Frage kommen könnten, verraten nicht viel, und sind dazu noch auf verschiedenste Weise interpretierbar.
Mit Vorsicht ist nur so viel festzustellen, daß es zwei Gedichte gibt, die er bei einem späteren (undatierbaren) Wiedertreffen der Nonne (und ihren Schwestern?) widmete. Ansonsten ist nicht bekannt, welche Gedichte er auf dem Berg Yuyang an die Frau (Frauen?) schrieb. Manche Interpreten gehen davon aus, daß es auch noch andere Gedichte gibt. Solche Vermutungen stützen sich aber lediglich auf den leidenschaftlichen Ton dieser Gedichte, die teilweise auf spätere Zeiten datierbar sind und anderen Frauen, sogar der eigenen Ehefrau hätten gewidmet werden können.
Die Meinungsunterschiede zwischen den Interpreten sind bezüglich der drei Shengnüci-Gedichte am grössten, selbst in der Lokalisation des Tempels sind sie sich nicht einig. Alle drei sind in der Übersetzung von J. Liu zu lesen. "They seem to be concerned with a Taoist nun or nuns...", schreibt er (S. 94), ohne die Gedichte zu datieren.
In Wirklichkeit scheint dem Dichter zu Unrecht der Ruf des Frauenheldes angehängt zu sein. Nach dem Tod seiner Frau spielt er im Gedicht Li furen san-shou Zhongyings Absicht an, ihm eine Sängerin namens Zhang Yixian vermitteln zu wollen. "Der Mond ist untergegangen, wie kann man ihn durch einen Stern ersetzen?", hält LSY entgegen. Auf ähnliche Weise äußert er sich auch in seinem Brief an Liu Zhongying: "Was die zauberhaften südlichen Schönheiten und die wunderbaren Tänzerinnen angeht, habe ich sie zwar in meinen Schriften erwähnt, in Wirklichkeit aber ließ ich mich mit ihnen in keine Beziehung ein. Umso mehr gilt (meine Zurückhaltung) für Zhang Yixian. Sie ist ohnegleichen und einzigartig, aber wenn ich schon Euch, dem General folge, bleibe ich lieber bei Euren heldenmütigen Untergebenen." Diese Aussage darf bei der Interpretation seiner Gedichte mit dem Thema "Liebe" keinesfalls außer acht gelassen werden.
Was allein sicher ist: außer seiner Ehefrau gibt es nur noch das Mädchen Weidenzweig und die Nonne Song, über deren Existenz in LSYs Leben wir durch die Gedichte wenigstens einige Anhaltspunkte haben können. Daß er schon verwitwet war, uneheliches Kind und auch andere Geliebte hatte, gehört letzendlich zu der Welt der Spekulationen.
Nach seinem unschuldigen Flirt mit Weidenzweig, worüber er noch offen reden durfte, schrieb er später fast ausschließlich "Liebesgedichte", in denen das Objekt seiner Leidenschaft nicht immer benannt wird, und die mit Anspielungen reichlich vollgespickten Verse oft so vernebelt formuliert sind, daß der Leser daran zu zweifeln anfängt, ob es wirklich die Liebe ist, die geschildert werden soll?
5. Prüfung und Eheschließung (837-38)
Im Frühling 837 bestand LSY durch die Fürsprache von Linghu Tao (795 – 872) das Jinshi-Examen. Tao (schon seit 7 Jahren jinshi) war nämlich befreundet mit dem Examinator Gao Kai, einem der Vizepräsidenten des Ritenministeriums (libu shilang). LSY wurde nunmehr nicht nur dem Vater, sondern auch dessen Sohn gegenüber zum Dank verpflichtet. Da ihm aber kein Amt in Aussicht stand, hatte er vor, auf Linghu Chus Einladung hin nach Xingyuan zu gehen. Er ließ sich aber Zeit und kam in Xingyuan erst im Spätherbst an, als Linghu Chu schon auf dem Sterbebett lag. Er schrieb dessen letzten Thronbericht nieder und begleitete im 12. Monat die sterblichen Reste seines Herrn nach Chang'an zurück.
Das Jahr 838 brachte eine wichtige Wende im LSYs Leben mit sich. Der begabte junge Mann, der bis dahin die fast uneingeschränkte Unterstützung der Linghus genoß, heiratete scheinbar plötzlich und unerwartet die Tochter von Wang Maoyuan. Die Motive, gerade die Tochter eines Fraktionsgegners von Linghu Chu zu heiraten, lassen sich vor allem in seinem persönlichen Lebensbereich suchen, wobei auch seine persönlichen Eigenschaften eine große Rolle gespielt haben.
Unmittelbar nach der bestandenen Prüfung nahm LSYs Prüfungskamerad Han Zhan eine der Wang-Töchter zur Frau, und erhielt zugleich vom Schwiegervater reichliche Unterstützung. Wie man es aus einigen Gedichten entnehmen kann, muß LSY schon damals die Frauen gekannt haben. Han Zhans Glück sehend, hätte er von der Heirat ebenfalls eine bessere gesellschaftliche Stellung erhoffen können. Bemerkenswert ist dabei, daß er, solange Linghu Chu lebte, von Wang Maoyuan ignoriert wurde. Dieser stimmte erst dann zu, als LSY unmittelbar nach der Beisetzung Linghus in Jingzhou plötzlich auftauchte. Es bleibt ungeklärt, von welcher Seite und durch wessen Vermittlung die ersten Schritte gemacht wurden. In XTS steht bloß, daß Wang Gefallen an LSYs Talent fand und deshalb seine Tochter ihm zur Frau gab. Was LSY betrifft, ist es mehr als verständlich, daß er im nach Linghus Tod entstandenen Vakuum, als von keiner Seite her Hilfe zu erwarten war, den Ausweg in der Einheirat in diese angesehene und reiche Familie gesucht hatte. Nebenbei gesagt, soll er seine zukünftige Frau von Anfang an besonders gerne gehabt haben, wie er darüber auch später in vielen Gedichten Zeugnis ablegt.
LSY hatte keine politischen Motive, die Frau zu heiraten, aber die Angehörige der beiden Fraktionen forschten darin solange, bis sie Motive fanden. Seine späteren Schwierigkeiten (jedenfalls am Anfang, als er z.B. an der Hongci-Prüfung nicht durchgelassen wurde) können vermutlich diesen Umstand als Ursache haben. LSY kümmerte sich mit seinem widerspenstigen Geist um keine Fraktionskämpfe, er nahm keine Rücksicht auf das Andenken des eben verstorbenen Linghu Chu oder auf seine Schulden gegenüber dem lebenden Tao, sondern hörte nur auf seine Gefühle und bemühte sich darum, schnell zu verwirklichen, was er schon seit einem Jahr geplant hatte.
Einerseits hätte er umsichtiger umgehen können und müssen, anderseits erscheint diese Entscheidung in seiner Situation und aus seiner Sicht als der einzig gangbare Weg für ihn.
6. Versetzung nach Hongnong und Reise nach Süden
(838-42)
Nach seiner Eheschließung, noch im Frühling 838 ging LSY wieder in die Hauptstadt und nahm an der Prüfung boxue hongci teil. Er muß es in einem sehr knappen Zeitraum geschafft haben, den Weg nach Jingzhou hin- und zurückzugehen und dazwischen noch zu heiraten. Sein Aufsatz wurde angenommen und die Examinatoren ließen ihn durch; dann aber strich jemand seinen Namen in dem Kaiserlichen Sekretariat aus der Liste aus. Im nach einem Jahr (839) in Hongnong geschriebenen Brief zitiert er die verhängnisvolle Anmerkung dieses ungenannten Beamten, mit der er ihn abwies: "Dieser Mensch ist nicht geeignet".
LSY verbrachte das darauffolgende Jahr im Hauptquartier seines Schwiegervaters in Jingyuan. 839 bekam er endlich eine Stelle mit niedrigem Rang als Korrektor in der Kaiserlichen Bibliothek. Aber seine Freude dauerte nicht lange: nach einigen Monaten (nach LM innerhalb eines Monats), im Sommer 839 wird er nach Hongnong (in West-Henan) in die niedrige Stelle eines Sicherheitsbeamten auf Kreisebene versetzt. In seinem Amt, das er als großen Abstieg empfand, war die Aufrechterhaltung der Ordnung seine Aufgabe. Schon nach wenigen Monaten geschah es, daß er einen zum Tode verurteilten Mann begnadigte, indem er das Urteil des Inspektionskommissars Sun Jian aufhob. Dadurch geriet er mit diesem in Konflikt und stellte bei dem Präfekt einen Antrag, daß er von seinen Amtspflichten enthoben würde. Er trat von seinem Amt ab und verließ den Ort; dann aber wurde er von Sun Jians Nachfolger, Yao He nach Hongnong zurückbefohlen. Erst 840 konnte er es erreichen, endlich abzudanken. Er ging sofort nach Chang'an und bat Linghu Tao, der nach dem Ablauf seiner Trauerzeit inzwischen wieder in das politische Leben zurückgekehrt war, um Unterstützung, jedoch ohne Erfolg.
Im Jahr 840 vollzog sich die politische Wende. Im 1. Monat erkrankte der Kaiser Wenzong schwer, im Laufe des Sommers starb er und wurde im 8. Monat beerdigt. Im 9. Monat trat Li Deyu das Amt des Präsidenten des Beamtenministeriums an. LSY (der in seinem Denken mit den Angehörigen der Li-Fraktion gemeinsames hatte, jedoch zu den Mitgliedern der Niu-Fraktion gute Kontakte pflegte), erhoffte nun auch eine gute Wende auf seiner Laufbahn. Es ist der Grund, daß er im Herbst 840 schleunigst in die Hauptstadt eilte und (durch finanzielle Hilfe von Li Zhifang, des jüngeren Bruders seiner Schwiegermutter) im Spätherbst seine Familie nach Chang'an holte. Unmittelbar danach machte er jedoch auf die Einladung von Yang Sifu eine Reise nach Tanzhou (Nord-Hunan). Nach der Ablehnung durch Linghu Tao schien ihm nichts anderes übrig geblieben zu sein, als die Hauptstadt wieder zu verlassen.
Bezüglich der Jahre 840-42 schweigen die Quellen und die Interpreten sind sich darüber nicht einig. Nach FH legte er noch vor dem 9. Monat 840 sein Amt in Hongnong nieder. Nach ZZF verließ LSY im Jahr 841 Hongnong, um unter seinem ehemaligen Examinator Zhou Chi (seit 840 Präfekt in Huazhou [in Shaanxi]), zu dienen. Liu meint, daß er bis 842 in Hongnong gedient habe und sich dann als Sekretär seinem Schwiegervater anschloß, der gerade in Xuzhou stationiert war. Zu Beginn des Jahres 842 war LSY tatsächlich in Xuzhou. Sein Aufenthalt muß aber sehr kurz gewesen sein, da er noch im Frühling des selben Jahres an der Prüfung des Beamtenministeriums in Chang'an mit Erfolg teilnahm und zum zweiten Mal Korrektor in der Kaiserlichen Bibliothek wurde. In Li Deyus Regierung hätte er vielleicht eine Chance gehabt, zu etwas zu bringen, wenn seine Mutter im Winter 842 nicht gestorben wäre. Er mußte deshalb sein Amt aufgeben, um die Trauerzeit einzuhalten.
7. Die Zeit der kurzen Ruhe (843-46)
LSY verließ sein Amt, aber er blieb zunächst in Chang'an. Erst im Frühling 844 zog er mit seiner Familie in den Kreis Yongle (in der äußersten SW-Ecke der heutigen Provinz Shanxi). Er verbrachte dort die Zeit mit Lesen und Landwirtschaft. Es war ein bescheidenes und müssiges Leben, aber er gab sich mit der Abgeschiedenheit trotzdem nicht zufrieden. Denn gerade diese drei Jahre waren wohl die umwälzungsreichsten in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Daß er gerade diese Zeit, in der auch er alle seine Fähigkeiten gebührend hätte entfalten und seine politischen Vorstellungen verwirklichen können, untätig verbringen mußte, bedeutete für ihn einen großen Rückschlag, von dem er sich nie mehr erholen konnte. Aber auch in seinem zurückgezogenen Dasein verfolgte er die Ereignisse im Lande mit reger Aufmerksamkeit, was auch in seinen Gedichten reflektiert wird. Im 10. Monat 845, als die Trauerzeit vorüber war, nahm er sein Amt in der Kaiserlichen Bibliothek wieder auf. Die Familie wohnte im Haus des (843 verstorbenen) Wang Maoyuan, wo im Jahr 846 LSYs Sohn Gunshi geboren wurde.
Das Jahr 846 verbrachte LSY im Amt. Im 3. Monat des selben Jahres starb der Kaiser Wuzong wegen des "übermässigen Genusses" des Lebenselixiers Goldzinnober, wie schon viele seine Vorgänger auf dem Thron. Nun kamen die Mitglieder der Niu-Fraktion an die Macht und die Fraktionskämpfe erreichten ihren neuen Höhepunkt. Auch LSY verließ Chang'an im Frühling 847, und damit begann sein bis zum Tode andauerndes Wanderleben.
8. In freiwilliger Verbannung (847-51)
Als Zheng Ya ( ? - 851), der im 2. Monat 847 als Präfekt von Guizhou und Inspektionskommissar von Guiguan jenseits der Südlichen Gebirgskette (Nanling) in die heutige Provinz Guangxi versetzt (d.h. verbannt) wurde, bat LSY darum, ihm als Sekretär zu folgen. Zu Beginn des 3. Monats verließ er Chang'an, im 4. Monat kam er in Jiangling und dann in Tanzhou an. Am Anfang des 6. Monats erreichte er Guilin. Er ließ seine Familie in Chang'an zurück. Freiwillig ging er in die Verbannung, ohne auf einen Befehl zu warten.
Im Winter wurde er als Bote nach Jiangling (in Hubei) geschickt, wo ein Verwandter von Zheng Ya der Militärgouverneur war. Er vollendete seine erste Sammlung Fannan jiaji während der Schiffahrt nach Hubei. Im 1. Monat 848 kehrte er aus Jiangling nach Guilin zurück. Unmittelbar nach dessen Ankunft wurde im 2. Monat Zheng Ya seinem Amt enthoben und als Präfekt nach Xunzhou versetzt (wo er im Jahr 851 starb). LSY folgte ihm nicht, sondern ging nach Tanzhou, wo er längere Zeit vom 5. bis zum 7. Monat als Gast des Inspektionskommissars Li Hui verbrachte. Da Li Hui keine Möglichkeit hatte, ihn anzustellen, fuhr er weiter auf dem Yangzi flußaufwärts nach Jiangling, welchen Ort er Mitte des 7. Monats erreichte. Von dort fuhr er mit dem Schiff weiter zu den Schluchten, wo er einen ganzen Monat blieb. Sein Rückweg nach Chang'an führte wieder durch Jiangling, von wo aus er den Landweg nach Norden gewählt hatte. Im 9. Monat soll er in der Hauptstadt angekommen sein. Im darauffolgenden Monat wurde er zum Richter im Kreis Zhouzhi (westlich von Chang'an) ernannt, welches Amt für ihn wieder eine tiefe Degradierung bedeutete. Zum Glück brauchte er es auch nicht lange auszuüben, da man an der Kommandantur des Chang'an-Bezirks auf ihn aufmerksam wurde und ihn zum Armeesekretär ernannte. LSYs Aufgabe war, Thronberichte zu verfassen.
Im Jahr 849 lernte er Du Mu kennen. Ab 10. Monat 849 diente er erst als Richter, dann als Zensor in Xuzhou (NW-Jiangsu) unter Lu Hongzhi, dem Militärgouverneur von Wuning. Nach Lus Tod im Frühling 851 kam er nach Chang'an zurück, wo er mit Hilfe von Linghu Tao den Titel eines Akademikers bekam. Seine Frau starb im Herbst, mit wahrscheinlich weniger als 35 Jahren.
9. Die letzten Jahre (852-58)
Im Spätherbst nahm LSY das Angebot von Liu Zhongying ( ? - 865?) an, ihm als Sekretär (mit dem Ehrentitel "Sektionsleiter des Ministeriums für öffentliche Arbeiten" nach Sichuan zu folgen. Er ließ Sohn und Tochter im Haus des Han Zhan, bei der Familie seiner Schwägerin zurück. Die auf dem Tod seiner Frau folgenden Jahre verbrachte er in Einsamkeit und in einer gedrückten Stimmung, worüber auch seine Gedichte Zeugnis ablegen. Trotzdem widerstand er Liu Zhongyings Versuch, ihn mit einer Sängerin zu verheiraten. Er widmete sich dagegen immer intensiver dem Chan-Buddhismus. Im 11. Monat 855 wurde Liu Zhongying zum Vizedirektor des Beamtenministeriums ernannt. LSY kehrte mit ihm im Winter auch nach Chang'an zurück. Er hat auch in Luoyang verweilt, was für ihn jedenfalls einen riesigen Umweg bedeutete. Am Hof wurde Liu Zhongying inzwischen Vizedirektor des Heeresministeriums, im 10. Monat Präsident des Zensorats und Kommissar für das Transportwesen von Eisen und Salz. LSY diente weiterhin unter ihm, und begab sich 857 auf Dienstreisen nach Osten in Yangzhou, Suzhou und Hangzhou, gerade in die Gegende, wo er einst seine Kindzeit verbracht hatte. Aus dieser Zeit stammen - wohl wegen der Inspiration des Ortes - besonders viele Gedichte, in denen er die Vorgänge der Vergangenheit, vor allem den Untergang der Südlichen Dynastien und der Sui besang, um dadurch vor dem drohenden Ende der Tang zu warnen. Im 2. Monat 858 wurde Liu Zhongying zum Präsidenten des Justizministeriums. LSY ging zur gleichen Zeit nach Luoyang, danach, als er schon erkrankt war, nach Zhengzhou. Am Ende dieses Jahres starb er.
Es war immer der Tod, der dazwischenkam und ihn verhinderte, endlich etwas zu erreichen.
· Es fing an mit dem Tod des Cui Rong (834) und dann mit dem des Linghu Chu (837). Beide hätten für ihn in der Zukunft als potenzielle Unterstützer gelten können.
· Dann kam der Tod seiner Mutter (842), der ihn gerade in der Zeit eines hoffnungsvollen Anfangs aufhalten ließ.
· Der durch die Quacksalberei herbeigeführte Tod des Kaisers Wuzong (846) machte ihm einen zweiten Anfang zunichte.
· Durch die Verbannung des Zheng Ya (848) und den Tod des Lu Hongzhi (851) verlor er in kurzer Zeit wieder die Menschen, die für ihn die Hoffnung bedeuteten.
· Und als sein letzter Patron, Liu Zhongying anfing, an den Hof immer mehr Gewicht zu bekommen, war es für ihn schon zu spät...
Dieser tragische Lauf der Ereignisse kann trotz alledem nicht als ausreichender Grund seines Scheiterns angesehen werden. Er hätte sich auch zweifellos durchgesetzt, wenn er dafür genügend Hemmungs- und Prinzipienlosigkeit, Zynismus und Schmiegsamkeit besessen hätte. Aber er war ein Mensch von ganz anderer Natur. Mit aller Ruhe kann man daher behaupten, daß sein späteres Schicksal, seine Zukunft durch die Art seines Charakters schon vornherein entschieden war. Selbst der Umstand, daß er gerade die Tochter von Wang Maoyuan geheiratet hatte, war seinem Wesen zu verdanken.
10. Die Folgen der Heirat
"LSY war empfindlich gegenüber der verfaulten Welt, aber noch empfindlicher für die Frauenschönheit", stellt Takahashi fest.
LSYs Motive, die Tochter von Wang Maoyuan zu heiraten, waren überwiegend persönlich. Es erschien nur aus dem Standpunkt der Außenstehenden in einem Licht, als hätte er die Fraktion gewechselt bzw. wechseln wollen. Auf diese Weise bekam seine unpolitisch motivierte Heirat nachträglich eine politische Bedeutung. Die allgemeine Reaktion wird in XTS, Wenyizhuan kurz und bündig geschildert:
"Die Angehörigen der Niu- und Li-Fraktionen brachten ihm ihre Verachtung entgegen, beschuldigten und betrachteten ihn als einen hinterlistigen, gefühllosen Menschen, der keine Treue kennt. Gemeinsam haben sie ihn in die Enge getrieben."
Diese Reaktion lässt sich wohl damit erklären, daß keine Seite, die von sich etwas hält, mit einem "Überläufer" zu tun haben wollte. Dem "Verräter" der gegnerischen Seite traut auch die eigene Seite nicht.
Es waren keine fraktionspolitischen Beweggründe, die LSY zu Linghu Chu banden. Nur so ist es zu erklären, daß er nach dem Tod seines Patrons keinen Grund mehr sah, mit der Familie Linghu weiterhin in einem so engen Kontakt zu bleiben wie früher. Von der Sicht der Linghus soll LSYs Heirat mit der Wang-Tochter eher eine Frage der verletzten Ehre (angrenzend der mißachteten Pietät) gewesen sein, weniger von politischer, als von moralischer Natur. Daß LSY später ab und zu den Zorn des Linghu Tao zu spüren bekam, hatte wohl mit diesem und nicht mit den Fraktionsinteressen zu tun gehabt. LSY hat gar nicht versucht, seinen Schritt zu rechtfertigen, er betrachtete es als ganz natürlich, bei der Entscheidung auf seine Gefühle gehört zu haben. Aber zugleich versäumte er keine Gelegenheit, seine tiefe Dankbarkeit gegenüber dem verstorbenen Linghu Chu in Gedichten und anderen Schriften zu zeigen.
Die Tatsache, daß LSY unmittelbar nach dem Tod von Linghu Chu heiraten konnte, lässt uns die Folgerung ziehen, daß man über die Heirat bereits vorher verhandelt haben muß. Es gibt Gedichte, die in dieser Hinsicht von besonderer Wichtigkeit sind, da sie eine längere Bekannt-schaft des jungen Paares belegen. Es ist möglich, daß nicht Wang es war, sondern Linghu, der LSYs Heiratsabsicht mißbilligte, und erst durch den Tod des letzteren ist das Hindernis für die Ehe verschwunden. Der zu früh festgesetzte Heiratstermin war jedoch ein besonders großer Fehler und gegenüber der Familie Linghu außerordentlich rücksichtslos. Auch wenn LSYs Schritt kein "Verrat" war, erschien es danach in den Augen des Linghu Tao und der Mitglieder der Niu-Fraktion unvermeidlich, als wäre es tatsächlich ein Verrat gewesen. LSY war keine bedeutende Persönlichkeit, die die Fraktionen unbedingt für sich hätten behalten bzw. gewinnen wollen. Die unbedachte und voreilige Eheschließung, unter völliger Mißachtung der früheren Beziehungen, bedeutete für seine Zukunft in politischer Sicht trotzdem gewisse Konsequenzen.
Normalerweise hätte er nicht ein Leben lang unter den Folgen seiner "unglücklichen Wahl" leiden sollen. Sein Schwiegervater starb bereits nach fünf Jahren (843), und dadurch hätte die Ehe aus politischer Sicht an ihrer Wichtigkeit verloren. Außerdem, solange Wang Maoyuan lebte, erhielt LSY von ihm keine großzügige Unterstützung. Über die Frage, wie tief der Dichter durch diese Heirat in den Strudel der Streitigkeiten geriet, gehen die Meinungen ganz auseinander. Man stellt die Frage, ob es als Glück oder als Unglück angesehen werden kann, daß LSY gerade von Linghu Chu so großzügige Unterstützung erhalten hatte. Dadurch wurde er nämlich den Angriffen des anderen Lagers ausgesetzt. Dies könnte auch erklären, warum er erst so spät das Staatsexamen ablegen konnte, während Linghu Tao es schon 830 geschafft hatte. (Es gibt auch die Meinung, wonach weder Linghu zu der Niu-, noch Wang zu der Li-Fraktion gehört, und LSYs späteres Schicksal mit den Fraktionskämpfen nichts zu tun gehabt haben soll.)
Es ist jedoch nicht zu übersehen, daß seine Karriere noch vor der Eheschließung, unmittelbar nach dem bestandenen Jinshi-Examen zu stolpern begann, und daß er auch ab 843 (im letzten Drittel seines Lebens) nicht imstande, sogar unfähig war, etwas zu erreichen und vorwärtszukommen. Wenn alleine die Einheirat in die Familie Wang seine Zukunft bestimmt hätte, hätte er nicht nur den Abstieg, sondern ab und zu auch den Aufstieg des damaligen politischen Lebens erfahren können. Trotzdem wurde ihm unaufhörlich die Ungnade und der Abstieg zuteil. In diesem Punkt ist es besonders auffallend, daß er, unabhängig davon, wer (Li Deyu oder dessen Gegenspieler) die Macht innehatte, von keiner Seite befördert wurde. Denn es war nicht unbedingt der Fall, daß Personen, die zu den Mitgliedern einer Fraktion gute Kontakte besaßen, von deren gegnerischer Seite notwendigerweise mit Repressalien rechnen mußten. Die Ursachen seines Scheiterns müssen demnach viel komplexer sein, als man sie nur mit dem gespannten Verhältnis zu Linghu Tao und mit den Fraktionskämpfen allein aus dem Blickwinkel seiner Ehe zu erklären vermag. Für sein Schicksal scheint
· seine politische Anschauung, die er in den Gedichten so offen gezeigt hatte
· und sein freimütiger, eigensinniger Charakter
eher mehr bestimmend gewesen zu sein.
11. Li Shangyins politische Ansichten
In seiner politischen Anschauung finden sich in den Fragen
1) der Macht und ihrer Ausübung,
2) der Einheit des Staates (fanzhen, Gefahr von Außen)
3) und des Eunuchtums
viele Gemeinsamkeiten mit den Ansichten der Fraktion von Li Deyu.
In seinen Gedichten spricht sich LSY deutlich für die Eindämmung der Macht der fanzhen und die Zentralisierung des Staates aus. Er sieht im Eunuchtum die Wurzel des Unheils und verlangt dessen Beseitigung. Er legt die lähmende Haltung derjenigen ab, die die Lösung im Befolgen klassischer Ideale suchen wollen. Gelehrten, die auf konkrete Handlung die Regierung aufgerufen und aufgefordert haben (wie einst Han Yu und dann Liu Fen) haben bei ihm hohe Wertstellung. Wenn er die Dynastie in Gefahr sieht, zögert er nicht, in seinen Gedichten die Anwendung des militärischen Mittels zu begrüssen bzw. zu verlangen. Schon im Jahr 829 bemängelte er, daß der Regierung gegen Li Tongjie keine starke und disziplinierte Armee zur Verfügung stand.
1. Unwürdige besässen die Macht, die Talentierten wären von ihnen mit Füssen getreten, ihr Ehrgeiz wie Bambussprossen abgeschnitten, klagt er im Jahr 834 nach seinem ersten mißlungenen Versuch, das Examen abzulegen. Die Machhaber seien Eulen, die ihn von der Macht unbedingt fernhalten wollen, schreibt er 838, nachdem sein schon bestandenes Examen durch einen Beamten im Kaiserlichen Sekretariat annuliert wurde. Bereits im Jahr 829 spicht er über die Eulen, unfähigen und verdorbenen Machtinhaber, welche dem Phönix, Symbol der guten Regierung gegenübergestellt werden:
"Ich wünschte nur, daß der Phönix auf dem Altan nistet.
Wie könnte es dann möglich sein, daß Eulen im Schulhain hausen?"
Der Phönix galt gewiß in jeden Zeiten als "Mangelware" auf der Mauer der kaiserlichen Residenz: dieser Umstand brachte seit eh und je dem Reich viel Unglück; und das Los derjenigen, die das Unheil irgendwie heilen wollten, war hart und bitter. LSYs tief verehrter Lehrmeister und Freund, Liu Fen, mußte sich ebenfalls aus diesem Grunde in Verbannung begeben:
"Begegnet in der Ferne, haben wir uns gefreut und dann wieder geweint.
Das Phönixnest ist von uns aus westlich gesehen durch ein neunfaches Tor getrennt."
Der Phönix ist ein Zeichen, daß die Regierenden ihre Pflichten den Untertanen gegenüber restlos erfüllen. Erst wenn dies der Fall ist, dringt die Gnade des Kaisers durch die Welt, herrscht Frieden und bleibt die Not unbekannt. Wenn aber die Pflichten vernachlässigt bleiben, werden Zustände geschaffen, die Aufstände auslösen, welche dann mit Waffengewalt unterdrückt werden müssen. Generationen von Kaisern waren unfähig, die Rebellion der drei Wu zu bekämpfen. Das grösste Unheil bestand aber nicht darin, daß die Waffengewalt nicht ausreichend war, sondern darin, daß die Kaiser durch falsche Politik die Voraussetzungen für das Entstehen von Krisen geschaffen haben, in denen sie dann gezwungen wurden, statt durch Tugend und Gnade mit Waffengewalt das Reich zu beherrschen. "Mißtrauen und Zweifel - welche Seite war es, die diese erst entstehen ließ?" (Huaiyanglu). LSY weist hier die Schuld (auch wenn nur indirekt) den Regierenden zu. Denn er hat erkannt: das Ideal, daß die Herrschenden ihre Macht beispielhaft ausüben und ihre Pflichten durch weises Regieren bis zum Äußersten erfüllen müssen (um auch die äußerste Ergebenheit gegenüber der zentralen Macht verlangen zu können), blieb seit den Zeiten der mythischen Yao, Shun und Yu bis zur Zeit der Tang ein leeres Ideal; er hatte auch gar keinen Grund daran zu glauben, daß dieses Ideal in der Zukunft einmal verwirklicht wird. In dieser Hinsicht waren seine Vorstellungen sehr realistisch; und gerade auf diese realistische Einstellung geht zurück, warum er in einigen Gedichten die Anwendung des militärischen Mittels als einzige Lösung für die politischen Problemen sieht. In den Schlußversen des Gedichts Zengbie qian Yuzhou Qibi shijun (842) werden seine politischen Vorstellungen dadurch als gut charakterisiert, daß er in Qibi Tong, und gewiß nicht nur in ihm, gerne einen zweiten Zhi Du, einen echten Jagdfalke sehen wollte, der eine konsequente Linie vertritt und sich um deren Umsetzung bemüht.
2. In der Frage der Militärgouvernements (fanzhen) besitzt er eine kompromißlose Haltung: er sieht deutlich, daß die Zersplitterung des Staates den Fortbestand der Dynastie gefährdet. In dieser Auswahl stellen vier Gedichte seine Ansichten bezüglich dieses Problems dar:
Die Gedichte Suishi dong und Huaiyanglu childern die Folgen der Aufstände und deren Niederwerfung, aber sie weisen auch auf die Ursachen hin.
Im Gedicht Shouan gongzhu chujiang (837) hält LSY die friedliche Lösung (= Bestechung des Rebellen Wang Yuankui mit der Hand einer kaiserlichen Prinzessin) schädlicher als das militärische Eingreifen.
Im Xingci Zhaoyingxian daoshang song Hubu Li langzhong chong Zhaoyi gongtao (844) fand Li Deyus Entscheidung, gegen Liu Zhen gewaltsam vorzugehen, bei ihm auf vollkommene Zustimmung. In welchem Grad für ihn die Loyalität gegenüber dem Herrscherhaus Tang (dem er sich als entfernter Verwandte zugehörig fühlte) wichtig war, wird erst deutlich, wenn man dieses Gedicht mit dem Gedicht Chong you gan (836) vergleicht. Im Chong you gan wird Liu Zhens Vater, Liu Congjian fast gelobt, da er wenigstens Zeichen gegeben hatte, in Chang'an einmarschieren zu wollen, um sich an den Eunuchen nach dem Süßen-Tau-Zwischenfall zu rächen; aber acht Jahre später wird der Sohn schon verdammt, da er gegen die Zentralmacht zu rebellieren versucht.
Bemerkenswert ist, wie mutig und ohne Umschweife LSY sich in seinen politischen Gedichten äußert. Wie schon erwähnt, kommt er z.B. im Huaiyanglu ganz ohne Anspielungen aus. Wenn er überhaupt Anspielungen verwendet, dienen diese (im Gegensatz zu seinen Liebesgedichten) nicht zur Verheimlichung des Themas, sondern haben sie die Rolle, die Aussage noch klarer und deutlicher darzustellen.
3. Zuletzt muß noch LSYs Verhältnis zum Eunuchtum erwähnt werden. Denn es waren nicht nur die Angehörigen der Fraktionen (Franke: "konfuzianische Literaten mit hoher Auszeichnung"), die im politischen Leben als Machtfaktor galten; es gab dort noch die Eunuchen (Franke: "verachtete Palast-Parasiten"), die sich besonders ab 835 bedeutende Macht aneignet hatten.
LSY bezeichnet die Eunuchen im Vers 6 des Gedichtes You gan ershou, qi er mit dem Wort xiongtu 凶徒. Die von ihnen drohende Gefahr empfindet er viel grösser als die Bedrohung durch die Fraktionskämpfe oder die abtrünnigen Militärgouverneue. Die Mitglieder der Fraktionen trachteten nämlich nicht nach dem Leben ihrer Gegner, und der Hof konnte immer noch (im schlimmsten Fall militärisch) der Macht der fanzhen Einhalt gebieten. Die grösste Gefahr sah LSY daher in den mörderischen Machenschaften der Eunuchen, worüber er seine Ansichten - abweichend von anderen Dichtern - auch zu äußern wagte. Kurz nach dem Süßen-Tau-Zwischenfall schreibt er am Ende 836 das Gedicht Chong you gan, in dem er seiner Hoffnung Ausdruck gibt, daß Liu Congjian, Gouverneur in der militärischen Region Zhaoyi für die mehreren hundert (oder tausend?) Opfer, die von den Eunuchen massakriert wurden, mit seinen Truppen gerechte Rache nimmt. Die Paraphrase des Kinnpaares lautet wie folgt:
Liu Congjian hat inzwischen auch schon seine Bereitschaft erklärt, dem Kaiser zur Hilfe zu eilen, wie einst Dou Rong es getan hatte.
Seine Armee hätte inzwischen in Chang'an einmarschieren und dort stationieren sollen, wie damals die von Tao Kan in Shitou.
Der Angriff aber blieb aus, ohne daß das Massaker mit einem weiteren Massaker vergolten gewesen wäre.
Liu Fen wollte im Jahr 828 als erster auf die Gefahr seitens der Eunuchen aufmerksam machen. Ihm widmete LSY im Jahr 841 das Gedicht Zeng Liu sihu Fen und beklagte seinen Tod nach einem Jahr in vier Gedichten (davon ein ist das Ku Liu sihu Fen).
Liu Fens "alle Worte bezogen sich auf den Wiederaufschwung des Reiches" (Ku Liu sihu Fen, Vers 2:), trotzdem war Liu Fen gezwungen, sein ganzes Leben auf dem Land zu verbringen, da es für ihn an dem von Eunuchen kontrollierten Kaiserhof keinen Platz gab.
Es ist kein Zufall, daß LSY sich gerade Liu Fen so tief zugezogen fühlte. Denn es erging ihm - aus ähnlichen Gründen wie seinem Freund - auch nicht besser, bevor er Liu Fen kennengelernt hatte. Und es erging ihm nach Liu Fens Tod ebenfalls nicht besser, als es Liu ergangen wäre, wenn er hätte weiterleben können.
LSYs folgende zwei Gedichte sind auch in der Übersetzung von Erwin von Zach zu lesen:
· QTS.6245: Xingci xijiao zuo yibai yun "Auf meiner Reise erreiche ich die westliche Vorstadt von Chang'an"
· QTS.6153(16): Han bei "Die von Han Yu verfasste Inschrift".
Sei es mir erlaubt, auf dieser Stelle aus diesen Werken Abschnitte in Zachs hervorragender Übersetzung zu zitieren.
Das Gedicht Xingci xijiao zuo yibai yun schrieb LSY unterwegs aus Xingyuan nach Chang'an am Ende des Jahres 837. Hierin wird das Gesehene und das Erfahrene unter der Landbevölkerung, unweit der Hauptstadt geschildert. In den Mund eines Dorfbewohners gegeben wird die Geschichte des Landes erzählt, angefangen mit der Regierungszeit von Kaiser Xuanzong (712-756): Entstehung der fanzhen, An Lushans Aufstand und Gebietsverluste; Ohnmacht des Hofes, Chaos im Reich, Elend und Not auf dem Land...
"Erst zur Zeit der mittleren K'ai-yüan-Jahre (etwa 730 n. Chr.) versuchten schlechte Staatsdiener den kaiserlichen Verfügungen zuwiderzuhandeln. (Verse 35-36)
Li Lin-fu sah mit Missgunst auf jene Beförderung tüchtiger Gouverneure. (37)
So ließ er... rücksichtslose Militärs (an Stelle konfuzianischer Gelehrten) das friedliche Volk regieren. (39-40)
Das Mittelreich hatte darauf viel Ungemach durchzumachen... (41)
Die kaiserlichen Sprösslinge wurden nicht mehr großgezogen, sondern ausgesetzt, während z.B. die kaiserliche Nebenfrau Yang Kuei-fei einen Barbaren (An-lu-shan) zu ihrem Adoptivsohn machte. (47-48)
Da kamen plötzlich wilde Räuber aus dem Nordosten heran, mit einer Schnelligkeit wie wenn der Himmel einstürzen würde. (75-76)
In dieser Zeit des Aufruhrs suchte einer den anderen auszuspähen; wer hätte da zwischen der bösen Eule und dem guten Phönix unterscheiden wollen? (101-102)
Die Städte lagen verödet und in ihnen starben Spatzen und Ratten vor Hunger; die Menschen waren geflüchtet und Wölfe heulten in den Strassen. (105-106.)
... Im Westen gingen die Gebiete am Oberlauf des Huangho an die Turfan verloren. (108)
Verschiedene T'ang-Kaiser... hatten die Zustände toleriert und konnten sie nicht überwinden. (115-116)
Die Ratgeber der Kaiser standen tatenlos mit gefalteten Händen da; einer warnte den anderen, dem Kaiser Vorschläge zu unterbreiten, so dass keiner es wagte voranzugehen. (117-118)
Mitten in diesem Chaos stifteten die Provinzialgouverneure Unruhen und gebrauchten in aufrührerischer Weise ihre Waffen gegen den Kaiser. (131-132)
Der Kaiser... ernannte Rebellen zu wirklichen Gouverneuren und verlieh ihnen hohe Würden. (133-134)
Es gab Gouverneure, die... ihre Macht an ihre Kinder übertrugen. (136)
... Sie gehörten nur noch dem Namen nach zu China, wie etwa barbarische Völker (jenseits der Grenzen). (138)
Das Elend dauert jetzt schon einige Dutzend Jahre, und niemand wagt das Übel mit der Wurzel auszureissen. (145-146)
Selbst am hellichten Tage zeigen sich Räuber; frägt man, wer sie seien, so heißt es, verarmtes Volk, durch die Not dazu gezwungen." (171-172)
Die erschütternde Beschreibung endet mit dem verzweifelten Aufruf des Dichters:
Ich habe gehört, "dass Ordnung oder Unruhe im Reiche von den Menschen abhänge und nicht von Gott (es ist Schuld, nicht Schicksal). Jetzt möchte ich wegen all' dieses Unglücks offen mein Herz vor dem Herrscher ausschütten.
Ich möchte vor ihm mein Haupt gegen den Grund schlagen, bis frisches Blut aus der Stirne spritzt und in Strömen den Thron besudelt. Leider ist der Kaiserhof gleichsam durch dunkle Wolken von mir getrennt, und meine Tränen fliessen umsonst über meine Lippen."
(Verse 189-196)
Das Gedicht Han bei soll zwischen 836 und 847/48 verfaßt gewesen sein. Eine genaue Datierung ist nicht möglich, u.a. weil das Gedicht eine frühere Angelegenheit aus dem Jahr 817 behandelt.
Im Jahr 817 entschied sich der Hof endlich für einen Feldzug gegen den schon seit Jahrzehnten de facto unabhängigen fanzhen am Oberlauf des Huai-Flusses (im Südosten von Henan), wo seit 814 Wu Yuanji Militärgouverneur war. Der Kanzler Pei Du nahm im Herbst als Oberbefehlshaber persönlich an dem Feldzug teil, der mit einem raschen Sieg endete. Der Kaiser Xianzong beauftragte kurz darauf Han Yu, eine Inschrift zu diesem Sieg zu verfassen.
"Als der Kaiser Hsien-tsung den Thron bestieg, überblickte er die Lage des Reiches und war von tiefem Kummer erfüllt...", schrieb Han Yu. "Zahlreiche Würdenträger rieten in Eingaben dem Kaiser, er möge lieber durch Milde und Gnade die Rebellen zur Unterwerfung bringen. Der Kaiser wollte auf diese Bitte nicht hören und... liess die himmlische Strafe auf die Rebellen niederkommen... Das darauf erlassene Edikt des Kaisers liess der Minister P'ei Tu verkündigen: nur die Rädelsführer sollten bestraft, die Untergebenen sollten begnadigt werden... Der Hungersnot in Ts'ai wurde durch Verschiffung und Verteilung von Getreide abgeholfen... Es wurden Beamte eingesetzt und die Bewohner mit Rindern beschenkt; man liess sie belehren und zog keine Steuern ein. Die Leute von Ts'ai sagten: ... Der Himmelssohn ist ein erleuchteter Weiser. Wenn man ihm nicht gehorcht, rottet er uns und unsere Familien aus; gehorcht man ihm aber, beschützt er unser Leben..."
"Als in Huai und Ts'ai Unruhen ausbrachen, hat der Himmelssohn sie unterdrückt. Und als nach der Unterdrückung eine Hungersnot wütete, hat der Himmelssohn Abhilfe geschaffen. Als man darüber beriet, ob man Ts'ai mit Krieg überziehen sollte, waren die höchsten Würdenträger dagegen...
Dass keine (vorzeitige) Amnestie erteilt und zu einem entschlossenen Vorgehen übergegangen wurde, ist der Weisheit des Himmelssohnes zu verdanken..."
, faßt Han Yu am Ende der Schrift die Aussage zusammen.
Aber Pei Dus Widersacher am Hof haben "Han Yü beim Kaiser verleumdet und als parteiisch hingestellt" (Han bei, Vers 38), worauf der Gedenkstein niedergerissen und die Inschrift mit grobem Sand weggelöscht wurde (39-40). Es wurde dann einem anderen Gelehrten namens Duan Wenchang befohlen, den Text der Inschrift neu zu formulieren.
LSY äußert sich noch Jahrzehnte danach entrüstet im letzten Abschnitt des Han bei über das Geschehen; und jedes seiner Worte ist ein klares politische Bekenntnis:
"Ach, eines erlauchten Herrschers und weisen Ministers
Gemeinsamer Ruhm hätte in dieser Inschrift der Nachwelt verkündet werden sollen.
(Verse 45-46)
... Unzählige Male möchte ich jene Inschrift abschreiben und unzählige Male sie laut lesen,
Bis mir Schaum vor dem Munde steht und meine Rechte Schwielen bedecken.
Ich möchte diese Inschrift den in kostbaren Truhen verwahrten Berichten der 72 Geschlechter über ihre Opferhandlungen anreihen
Als Gegenstand der Verehrung und als Grundlage der Regierung."
(49-52)
12. Seine Persönlichkeit
LSY hatte einen widerspenstigen und eigensinnigen Charakter, verbunden jedoch mit fester moralischen Haltung. Im letzten Drittel seines Lebens soll zu diesen auch noch Verbitterung und eine immer schwächer werdende psychische Beschaffenheit dazugekommen sein.
In seinen jungen Jahren war er ehrgeizig und fühlte sich bei dem kleinsten Mißerfolg benachteiligt, hatte aber Ausdauer und vergaß alle Vernunft, wenn es darum ging, seine Idee zu verwirklichen, die er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte. Dabei besaß er auch große Rücksichtslosigkeit. (Es genügt, nur an die Umstände seiner Eheschließung zu denken.)
Zwei verhängnisvolle Eigenschaften, Eigensinnigkeit und ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl verbanden sich in ihm mit einem blinden Mut zum Widerstand. Als er zum Kreisrichter in Hongnong ernannt wurde, war er bereit, seine Bitte zur Beurlaubung dem Präfekten zu überreichen, um in die Hauptstadt zurückkehren zu dürfen.
LSY diente in niedrigem Posten, aber er tat es, ohne seine Ehre zu verwirken; er war standhaft und freimütig, nicht unterwürfig und kriecherisch. Er war fähig, selbstständig zu denken, auch wenn er letzendlich seinen Wille nicht durchsetzen konnte. Aber er war imstande, wenigstens seine innere Freiheit zu zeigen, indem er diese 28 Zeichen niederschrieb, das Beispiel von Bian He hochhob und zum Gehen bereit war.
Dieser Mut ernährt sich bei ihm von der gemeinsamer Quelle wie seine Wut, worin sich seine verstauten Emotionen entladen. Er fühlt sich auch mit Ni Heng (von Beinamen Zhengping) verbunden, vor dem nichts heilig war.
"Alle Würdenträger haben Ni Heng verabscheut", schreibt Du Fu. LSY schien in Ni Hengs Charakter trotzdem etwas gefunden zu haben, was er symphatisch empfand, vielleicht dessen Wagemut, sich der Obrigkeit zu widersetzen. Deshalb wünschte er wohl die Existenz eines Ni Zhengpings, mit dem er in diesem Gedicht wahrscheinlich Liu Fen meint.
Trotz dieser Eigensinnigkeit ist LSY innerlich eher labil, unsicher und nachdenklich:

有感

中路因循我有長
古來才命兩相妨
勸君莫強安蛇足
一醆芳醪不得嘗

Was mich bewegt

Auf halbem Wege zu zögern ist meine Stärke.
Von ewig her verhindern einander die zwei: Talent und Schicksal.
Ich mahne Dich, setze keine Beine der Schlange mit aller Gewalt hinzu
(sonst) bekommst Du kein Schälchen würzigen Wein zu kosten.

Ihm tut es weh, daß ein begabter Mann Rückschläge und Mißerfolge erleiden muß, während dem Unbegabten gutes Schicksal zuteil wird. Deshalb versucht er, sich nach der jeweiligen Situation zu richten, sich den verschiedenen Verhältnissen anzupassen und darauf zu verzichten, seine Ansprüche geltend zu machen. Man sollte lediglich die Pflichten erfüllen, ohne seine Grenzen zu überschreiten. Aber diese verzweifelten Worte kommen nicht vom Herzen, sondern es ist eher eine spöttische Rede, die das Gegenteil besagen soll.
Viel resignierter schreibt er zehn Jahre danach (Jiao’er shi, 849):
"Ich Dein Vater habe früher gerne in Büchern studiert und mich gar sehr bemüht, eigene litterarische Erzeugnisse hervorzubringen. (Verse 55-56)
Du musst... vorsichtig sein und ja nicht Deinen Vater nachzuahmen suchen; wenn Du studierst, trachte nicht danach als erster oder zweiter die Prüfung zu bestehen. (59-60)
(Du mein Sohn musst... schnell groß werden und dann... [Vers 69]) wirst Du zum Grafen eines Gebietes von zehntausend Seelen ernannt werden und brauchst nicht etwa einem bestimmten Klassiker Dein lebenslanges Studium zu widmen." (71-72, in Zachs Übersetzung)
In Wirklichkeit wünschte LSY sich nichts sehnlichster als von den Herrschenden akzeptiert und gebraucht zu werden. Da er aber (wie er war) nur auf Ablehnung stieß, lehnte er auch die Welt (wie sie war) ab.
Tao Yuanming verkörpert das Ideal eines abgeschieden lebenden Gelehrten, der - im Gegensatz zu Fan Li - sich nicht erst nach einer erfolgreichen Amtskarriere von der Welt zurückzog, sondern das Amt vornherein strikt verwarf. Solche Denkweise war für LSY nicht charakteristisch. Daß er sich dennoch so trotzig äußert, ist nur mit der tiefen Enttäuschung über sein Amt in Hongnong zu erklären. Diese Ablehnung ist im obigen Gedicht eindeutig scheinbar. Die Amtskarriere und die Macht übten in Wirklichkeit auf LSY eine große Anziehungskraft aus:

永憶江湖歸白髪
欲迴天地入扁舟

Dauernd denke ich an die Flüsse und Seen,
zu denen ich mit weißen Haaren zurückkehren werde,
(aber) ich möchte (erst) Himmel und Erde in Bewegung setzen,
bevor ich das kleine Boot besteige -

schreibt er im Halspaar des Anding chenglou 安定城樓. Er lehnte zwar die Welt (wie sie war, wozu die Herrschenden sie gemacht haben) ab, trotzdem sehnte er sich unaufhörlich, sich an der Macht zu beteiligen, um die Welt nach seinen eigenen Vorstellungen zu verbessern. Wie es auch in seinen politischen Gedichten bezeugt wird, befürwortete er gerne das harte Eingreifen, wenn es um eine von ihm für gerecht gehaltene Sache ging. Aber wenn es dazu gekommen wäre, mitzumachen, wo man hart durchgreift, wäre es ihm nicht unbedingt zumute gewesen, dabei zu sein. Denn er soll zweiffellos gefühlt haben, daß auch eine (vermeintlich) gerechte Sache mit dem gleichen Mittel erkämpft werden muß, womit die ungerechte Sache von der gegnerischen Seite erreicht wird.
Natürlich ist zu berücksichtigen, daß er - abgesehen von kurzen Zeitabschnitten, die er im Amt in Chang'an bzw. mit Reisen verbrachte - sein ganzes Leben unter verschiedenen Militärgouverneuren gedient hat. Ihm soll die Schlechtigkeit und Niederträchtigkeit, sogar die Grausamkeit der Politik und Politiker zweiffellos bewußt gewesen sein. Wie hätte er denn, der sich widersetzte, einen von ihm für unschuldig gehalteten Häftling dem Tod zu überlassen, die Kriterien eines Staatsbeamten erfüllen können? Seine moralischen Eigenschaften hätten ihn geeignet und fähig gemacht, ein guter Staatsmann in einer idealisierten Welt, wo "Phönixe auf dem Altan nisten", zu werden - aber genau dieselbe Eigenschaften schlossen im vorherein aus, daß er in der politischen Welt, wo "Eulen im Schulhain hausen", auf etwas bringen konnte. Er hatte einen Charakter, der - mit seinen eben erörterten Widersprüchen - ihm den gesellschaftlichen Aufstieg verhinderte; einen Charakter, dessen Fehlen (in allen Zeiten und auf allen Orten der Erde) eine Voraussetzung war, in der Gesellschaft zur Geltung zu kommen, die Macht zu erlangen und (gleichgültig auf welcher Ebene) sie auszuüben, oder wenigstens geeignetes Werkzeug in der Hand der Machthaber zu sein.
Dieser Charakter kann Schuld sein, daß er gerade die Tochter des "Fraktionsgegners" Wang Maoyuan geheiratet hat. LSY hätte nämlich nach der Mißachtung seitens Wang im Frühling 837 sicher nicht ein Jahr gewartet, um gerade "diese Frau" zu heiraten, wenn er nicht so gewesen wäre wie er war. Die Eheschließung muß also mit seiner Erfolglosigkeit parallel, und nicht als deren Ursache betrachtet werden. Auch seine Heirat war eindeutig eine Folge von dem, was sich als die eigentliche Ursache seiner Erfolglosigkeit erwies. Es ist ziemlich sicher, daß er auch ohne diese Heirat die Erfolglosigkeit hätte nicht vermeiden können.

Li Shangyins Dichtung

In Vorbereitung

2 Gedichte von Li Shangyin

1. Gedicht:
牡丹

錦幃初卷衛夫人
綉被猶堆越鄂君
垂手亂翻雕玉佩
折腰爭舞鬱金裙
石家蠟燭何曾剪
荀令香爐可待熏
我是夢中傳彩筆
欲書花葉寄朝雲
Die Päonien
Der Brokatvorhang ist soeben aufgerollt - (von der) Frau (des Fürsten von) Wei.
Die bestickte Decke ist noch hingelegt - (vom) Prinzen von E in Yue.
(Durch den Tanz) der herabhängenden Arme drehen sie sich drunter und drüber - die Gürtelgehänge aus geschnitztem Jade.
Mit gebeugten Hüften tanzen (die Frauen) wetteifernd - in kurkumagelben Röcken.
Die Kerzen im Hause Shi - gab es schon je, daß (ihre Dochte) gestutzt wurden?
Das Weihrauchgefäß des Direktors Xun - wie würde man darauf warten, daß es qualmt?
Ich bin es, der im Traum den farbigen Pinsel übergibt
und die Blumenblätter beschreiben möchte, um sie an die Morgenwolke zu schicken.

LSY schrieb das Gedicht 833 in Chang'an, in der Zeit, als er die Jinshi-Prüfung abzulegen versuchte.
Ins Englische übersetzt von Graham. Ins Japanische übersetzt von Takahashi Kazumi. (Beide mit Paraphrase.)

Anmerkungen:
Chinesische Päonie: Blume des Frühlings, "Königin der Blumen". LSYs Zeitgenosse, Duan Chengshi ( ? - 863) soll in seinem Werk darüber berichtet haben, daß die Päonien im Garten von Linghu Chus Residenz, die sich im Kaihua-Stadtviertel unweit vom Eingangstor des Kaiserpalastes befand, am schönsten blühten.
Frau Wei war die Frau des Fürsten Ling (reg. zw. 534-493 v.Chr.) im Staat Wei. Als Frau Wei hörte, daß Konfuzius kam, ließ sie ihm durch einen Boten ausrichten, daß sie ihn erwartet. Die Frau befand sich hinter einem Brokatvorhang. Konfuzius kam durch das Tor herein und nach Norden gewandt verneigte er sich. Als die Frau ihn hinter dem Vorhang auch begrüßte, war das Klingen ihrer Ringe und ihres Gürtelgehänges zu hören.
Der Prinz von E war berühmt durch sein hübsches Aussehen. Er fuhr einmal mit dem Boot auf einem Fluß in Yue. Die Frau, die ruderte, sang ein Lied, um ihre Freude, mit ihm im gleichen Boot fahren zu dürfen, und die Gefühle ihrer Zuneigung auszudrücken. Der Prinz streckte darauf seine Hände aus, ging zu ihr, umarmte und bedeckte sie mit einer bestickten Decke.
Tanz der herabhängenden Arme: eine Tanzform, in der die Tanzenden ihre Arme herabhängen lassen.
Gürtelgehänge aus geschnitztem Jade: Sechs gravierte, flache Steine sollen auf eine Schnur gefädelt und miteinander verbunden gewesen sein. Es symbolisiert Tugend und Aufrichtigkeit. Auch Frauen durften es tragen.
Gebeugte Hüfte: 1. Die Dame Qi, die Lieblingskonkubine des Han-Kaisers Gaozu, verstand es gut, ihre Ärmel hochhebend und ihre Hüften biegend zu tanzen.
2. Die Frau des Generals Liang Ji (2. Jh.) war von entzückender Schönheit. Sie nahm gerne verführerische Posen an, indem sie bekümmerte Miene ansetzte und gebeugt spazierte, als könnten die Beine ihren Körper kaum halten. Die Frauen in der Hauptstadt wetteiferten, sie nachzuahmen.
Kurkumagelbe Röcke: Der aus dem Rhizom der Kurkuma (Gelbwurzel, curcuma longa) gewonnene gelbe Naturfarbstoff wurde früher zum Färben u.a. von Seide benutzt. Die Kleidung erhielt durch ihn einen wohlriechenden Duft.
Die Kerzen im Hause Shi: Shi Chong (249-300), Staats- und Lebemann während der Westlichen Jin, bekleidete veschiedene hohe Ämter und häufte ein beträchtliches Vermögen auf, wovon er im Goldenen Tal (nordwestlich von der heutigen Luoyang) einen luxuriösen Palast errichten ließ. Er war berüchtigt über seine Verschwendungssucht. Bekannt ist die Geschichte über seine für drei Scheffel Perlen gekaufte Konkubine Lüzhu. In seinem Wettstreit mit Wang Kai, in der es darum ging, wer verschwenderischer ist, ließ er statt Brennholz unzählige Kerzen - die selbst zum Leuchten teuer waren - anzünden, um damit zu kochen.
Das Weihrauchgefäß des Direktors Xun: Xun Yu (163-212) diente als Militärberater unter Cao Cao. Durch seine Verdienste wurde er auf hohen Rang erhoben, bis zum Amt des Direktors des Kaiserlichen Sekretariats. Daher nannte man ihn "Direktor Xun". Man erzählt, daß ein gewisser Liu Jihe den Weihrauch so sehr liebte, daß er von der Latrine jedesmal zum Weihrauchgefäss lief. Man tadelte ihn einmal, er sei unfein und eitel. Liu Jihe brachte daraufhin als Beispiel den Direktor Xun vor, dessen Duft gewöhnlich noch drei Tage lang über den Ort schwebte, wo er saß, wenn er jemanden besucht hatte.
Der farbige Pinsel: In seinem späten Alter sah Jiang Yan (444-505) im Traum den Dichter Guo Pu (276-324), der ihn so ansprach: "Vor vielen Jahren habe ich meinen Pinsel Euch gegeben, jetzt möchte ich ihn wiedersehen." Jiang Yan nahm darauf aus seinem Kleid einen fünffarbigen Pinsel heraus und gab ihn ihm zurück. Seitdem war in seinen Gedichten kein einziger schöne Vers mehr zu finden. Es ist aus mit seinem Talent, sagten die Zeitgenossen.
Mit dem "fünffarbigen Pinsel" wird das dichterische Talent veranschaulicht.
*****
Kommentar:
In acht Versen werden acht Anspielungen mit ihren Anekdoten und deren ausgedehnten Assoziationen sehr geschickt verwendet. Auffallend ist ihre parallele Stellung in den Doppelversen. Außer der Schlußverse beschreibt jeder Vers die Blumen von einem Aspekt, ohne daß dabei zwei Anspielungen auf die gleiche Eigenschaft der Blumen bezogen werden: es wird die Schönheit der Kronblätter (Vers 1) und der Kelchblätter (2), der durch den Wind verursachte Tanz der Blätter (3) und der Blüten (4), der flackernde Glanz des Gelbs (5) und der Duft (6) sinnbildlich dargestellt.
Anfangverse: Die Päonien sind gerade dabei, sich zu öffnen. Die Kronblätter sind schon geöffnet, die grünen Kelchblätter bedecken sie aber immer noch von außen schützend. Die gelben Kronblätter entsprächen demnach dem aufgerollten Vorhang, hinter dem die Frau sich zeigt. Die Kelchblätter stehen für die bestickte Decke, womit der Prinz von E seine Geliebte von außen behütet. Die Päonien werden hier mit der Frauen- und Männerschönheit verglichen.
Das Kinnpaar veranschaulicht durch Tanzformen das Schwingen der Blumen im Wind. Die Blätter bewegen sich wie die Gürtelgehänge im Tanz. Die Kelche schwingen hin und her und vibrieren vor den Augen der Zuschauer wie die gelben Röcke. Ein Windhauch läßt Tautropfen von den Blättern herabrollen, ähnlich wie die Ärmel der Tänzerinnen die Gürtelgehänge umwenden. Die herabhängenden Ärmel deuten auf die Blätter des Stengels hin, während die hochgehobenen im Tanz eher die Blüten symbolisieren. Der Windhauch wird im Vers 4 zum Windstoß, wodurch die Kelche sich beugen wie die Tänzerinnen und flattern wie deren gelbe Röcke.
Die Päonien haben gerade zu blühen begonnen - trotzdem scheinen sie schon zu voller Blüte entfaltet zu sein. Wie in den Anfangversen, wählt LSY auch im Halspaar zwei historische Persönlichkeiten mit ihren berühmten Anekdoten zum Anspielen aus. Shi Chong ließ den Kochherd mit Kerzen heizen, aber der Glanz der Päonien übertreffen den von diesen Kerzen. Die Kelche leuchten von selbst, ohne jede Hilfe, nicht wie die Kerzen, deren Docht gestutzt werden muß. Neben dem verschwenderisch schönen Glanz der Blumen ist es ihr Duft, von dem man hingerissen wird. Direktor Xun mußte wohl oft warten, bis der Weihrauch genug qualmte, um sich anzuräuchern - aber die Päonien sind nicht auf fremde Hilfe angewiesen, um zu duften.
Die Auslegung der Schlußverse ermöglicht gleichzeitig für das ganze Gedicht mehrere Interpretationsmöglichkeiten.
1. Der Pinsel von Jiang Yan, der allein würdig wäre, ein Bild über die Blumen zu malen, gehört jetzt zu dem jungen LSY. Eine Deutung des 7. Verses, "ich bin es, dem im Traum der Pinsel übergeben wurde", würde jedoch der Anekdote inhaltlich widersprechen. Dafür aber, daß LSY, der erst am Anfang seiner Laufbahn steht, den Pinsel zurückgibt, wäre noch viel zu früh. Er muß freilich einmal später den Pinsel zurückgeben; jetzt möchte er aber ihn nur insofern überreichen, als er auf die Blumenblätter einen Brief (= dieses Gedicht) schreibt, damit Linghu Chu das Ergebnis seines Unterrichts sehen kann.
2. Der Dichter besangt die Blumen, um durch sie die Frauenschönheit zu lobpreisen.
3. Das Gedicht hat weder mit Linghu Chu, noch mit einer schönen Frau zu tun , sondern ist in seiner ganzen Länge nicht mehr als eine Illustration der Schönheit der Päonien. Dagegen spricht aber die Tatsache: Wenn der Titel weggelassen würde, könnte der Leser gar nicht darauf kommen, daß es sich hier um Päonien handelt. Man stelle das Gedicht mit einem Titel Ohne Titel vor!

So bleibt kaum etwas übrig, als den Vers 7 etwas gründlicher zu betrachten und zu der
1. Interpretationsmöglichkeit zurückzukehren, da die Anspielung mit dem "farbigen Pinsel" eher das Verhältnis eines Schülers zu seinem Meister, als die Liebe eines Mannes zu einer Frau oder jemandes Bewunderung gegenüber den Päonien bezeugt. Es ist zwar nicht zu leugnen, daß mit dem Wort Morgenwolke gewöhnlich auf die Fee des Wu-Berges und durch diese auf die begehrte Frau hingedeutet wird. Aber in diesem Gedicht scheint das Binom sich auf die Sehnsucht von Linghu Chu zu beziehen, am Hof in Chang'an zu einer hohen Stellung befördert zu werden.
Linghu verließ die Hauptstadt bereits im Frühling 829 und sehnte sich unaufhörlich danach, dorthin zurückkehren zu können. Den Schmerz des Abschieds von den Päonien (und dem fröhlicheren, angenehmeren Leben) in Chang'an beklagt er auch in seinem Gedicht:
"Zehn Jahre lang habe ich die Blumen in meinem kleinen Garten nicht gesehen;
kurz bevor die purpurnen Blütenkelche sich öffnen, verlasse ich nun nochmals mein Haus.
Als ich auf dem Pferd zum Tor hinausreite, wende ich den Kopf und blicke zurück:
Wann kommt die Zeit, als ich in die Hauptstadt zurückkommen darf?"
(Anmerkung: „zehn Jahre lang“ – dichterische Übertreibung)
Linghu Chu war im Jahr 833 Militärgouverneur in Shanxi, als LSY sich wegen seines Prüfungsvorhabens im Frühjahr nach Chang'an begab und dort offensichtlich auch Linghus Residenz besuchte. Die Päonien sollen gerade in ihrer schönsten Blüte gestanden haben. Bei der Betrachtung der Päonien verfaßte der Dichter dieses Gedicht, in dem er den Wunsch äußerte, sein Meister solle bald als Hofbeamter diesen schönen Päoniengarten wiedersehen. Gleichzeitig deutete er in den Versen auch den Dank für den Beitrag des alten Generals an, ihn zu einer solchen Höhe der Dichtkunst verholfen zu haben.
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2. Gedicht:
撰彭陽公誌文畢有感

延陵留表墓
峴首送沉碑
敢伐不加點
猶當無愧辭
白生終莫報
九死諒難追
待得生金後
川原亦幾移
Empfindungen, nachdem ich die Grabinschrift des Fürsten von Pengyang verfaßt habe
Yanling hinterlässt die Inschrift,
Xianshou übergibt die versenkte Steintafel.
(Ich) wage mich zu rühmen, daß ich (der Schrift) nichts hinzugefügt habe.
(Die Inschrift) dürfte ebenbürtig sein (mit der), für deren Worte man sich nicht schämen (mußte).
Hundertmal (wieder)geboren, (könnte ich seine Güte) letzten Endes nicht vergelten.
(Selbst wenn ich) einen neunfachen Tod sterben (müsste, wäre diese Güte) zweifellos nur schwer einzugravieren.
Nachdem ich abgewartet hätte, daß sich (in diesem Grabstein) Gold bildet,
(wer weiß,) wieviele Male würden selbst die Flüsse und die Ebenen (ihre Lage) verändert haben!

Linghu Chu wurde auf der Ebene Fengqiyuan 鳳棲原, in der Nähe von Chang'an im Winter 837-38 beigesetzt. Aus dem 6. Monat 838 stammt die Trauerschrift 奠相國令狐公文, in der LSY die Grabinschrift erwähnt. Die Inschrift und danach dieses Gedicht entstanden also in der ersten Hälfte des 3. Jahres der Kaicheng-Ära (838), höchstwahrscheinlich im 1. oder 2. Monat.
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Anmerkungen:
Linghu Chu 令狐礎 (766-837) : Sein Vorfahre war Linghu Defen (583-666), der Verfasser des Zhoushu. Die Familie stammte ursprünglich aus Dunhuang, am Anfang des 7. Jahrhunderts ist sie nach Xianyang in Shaanxi umgesiedelt. Der Familienname weist auf eine nichtchinesische Abstammung hin.
Mit 26 Jahren bestand Linghu Chu die Jinshi-Prüfung. Zunächst hatte er in Taiyuan ein Amt. Ab 810 bekleidete er auch am Hof verschiedene Ämter, 819 war er erster Minister und 824 Vizegouverneur des Bezirks der östlichen Hauptstadt (Henanfu). Er wurde im Jahr 835 zum Fürsten von Pengyang (in Ost-Gansu) erhoben.
Im 4. Monat 836 wird er in der Region Shannanxidao (in einem Gebiet von 16 Präfekturen) zum Militärgouverneur ernannt. Sein Hauptquartier befand sich in Xingyuan (in der SW-Ecke von Shaanxi). Am 12. Tag des 11. Monats 837 starb er in seinem Dienstort. LSY war es, der seinen letzten Thronbericht notiert und seine Grabinschrift verfaßt hatte. Das Grab existiert natürlich nicht mehr, die Inschrift ist auch verlorengegangen.
Linghu Chu pflegte zu Bai Juyi, Yuan Zhen und Liu Yuxi freundschaftliche Beziehungen. Seine Prosa ist in Quan Tangwen, in den Kapiteln 539-543 erhalten. Die bis heute existierenden 59 Gedichte sind in Quan Tangshi, Kap.334 aufgenommen.
Zum Vers 1: Ji Zha war der vierte Sohn des Wu-Königs Shoumeng (reg. zw. 585-561 v.Chr.). Der Vater wollte ihm den Thron überlassen, aber dieser verzichtete darauf zugunsten seines Bruders. Er wurde in Yanling belehnt, wonach er den Namen Yanling Jizi 延陵季子 bekam. Im Jahr -544 ging er als Gesandter in andere Länder wie Lu, Qi, Zheng, Wei und Jin. Der Fürst des Landes Xu, wo er durchreiste, begehrte sehr Ji Zhas kostbares Schwert, ohne aber seinem Wunsch Ausdruck gegeben zu haben. Ji Zha bemerkte zwar sein Verlangen, trotzdem gab er ihm das Schwert nicht, da vor ihm noch eine lange Reise stand. Als er aber auf seinem Rückweg das Land Xu erreichte, war der Fürst schon tot. Ji Zha band daraufhin sein Schwert ab und hing es auf dem Baum am Grab des Fürsten. Auf die Frage seiner Gefolgsleute antwortete er nur: "In meinem Herzen habe ich es ihm schon versprochen. Wie könnte ich mein Gelübde brechen?"
Ji Zhas Grab befand sich in Yanling. Konfuzius sei es persönlich gewesen, der seine kurze Inschrift verfaßt hatte. Der alte Grabstein ist verlorengegangen, erst in der Kaiyuan-Ära im 8. Jh. wurde er ersetzt. Zwar spielt LSY hier nicht auf das Grab des Fürsten von Xu, sondern allein auf das von Ji Zha an, aber da die oben dargestellte Anekdote so untrennbar mit der Person Ji Zha verbunden ist, verleiht die Wahl dieser Anspielung dem 1. Vers gleichzeitig eine Nuance des Schuldgefühls gegenüber dem Verstorbenen.
Zum Vers 2: → Anspielung Xianshoubei 峴首碑
Der Berg Xianshou 峴首 befindet sich im Norden der heutigen Provinz Hubei, am Ufer des Han-Flusses, im Süden des Kreises Xiangyang.
Der Berg wird auch von Li Bai besungen:
李白,  襄陽四首、其三
峴山臨漢江
水緑沙加雪
上有墮涙碑
青苔久磨滅
  
Der Hsien-Berg erhebt sich über dem Han-Flusse,
Dessen Wasser grün ist, dessen Ufersand schneeweiß.
Oben auf dem Berge befindet sich die Gedenktafel, die so viele Tränen benetzt haben,
Deren Inschrift blaugrünes Moos schon lange verwischt hat.
(Übers. v. Ervin von Zach, LB. V.19.)

Es gab auf dem Berg Xian zwei Gedächtnissteine:
· den Stein von Yang Hu,
· den Stein von Du Yu.
1. Yang Hu (221-278) 羊祜 wurde unter der Westlichen Jin im Jahr 269 zum Gouverneur in Jingzhou ernannt. Trotz des Krieges gegen Wu behandelte und versorgte er die dortige Bevölkerung so gut, daß sie nach seinem Tode für ihn auf dem Berg Xian, wo er einst die Landschaft zu betrachten pflegte, einen Gedächtnisstein aufstellte. Die Trauer des Volkes soll so tief gewesen sein, daß sein Nachfolger, Du Yu dieses Denkmal "Gedenkstein der fallenden Tränen" 墮涙碑 benannt hatte.
2. Du Yu (222-284) 杜預 folgte Yang Hu als Gouverneur in Jingzhou mit dem Sitz in Xiangyang. Im Sieg über Wu und im Aufbau des Bewässerungs- und Kanalsystems hatte er große Verdienste. Um seinen Ruhm unbedingt der Nachwelt zu verewigen, ließ er zwei Gedenktafeln ausschnitzen, die seine verdienstvollen Taten verkündeten. Man könne nicht wissen, ob nach hundert Jahren das hohe Flußufer selbst nicht zur Schlucht, und das tiefe Tal nicht zum Hügel werde, meinte er und ließ die eine Tafel am Berg Wan 萬山 (im Nordwesten des Kreises Xiangyang) im Han-Fluß (nach anderer Angabe in einem Teich) versenken, und die andere auf dem Berg Xian aufstellen.
Mit Yang Hu und Du Yu wird auf örtliche Befehlshaber, die moralische Prinzipien besaßen, angespielt.
In diesem Vers werden Ort und Geschehen auf den ersten Blick irrtümlich miteinander verbunden. Die Gedenktafel von Du Yu wurde nämlich am Berg Wan - und nicht am Berg Xian - ins Wasser versenkt. Dieser Widerspruch im Vers 2 löst sich durch die folgende Auslegung auf: Der Berg Xianshou gibt frei, was am Berg Wan versenkt wurde.
Es ist möglich, daß LSY hier nicht nur auf die Steintafel von Du Yu, sondern zugleich auch auf das Denkmal von Yang Hu mitanspielen wollte, um seine Schmerzen wegen Linghu Chus Tod zum Ausdruck zu bringen.
Nichts hinzugefügt: Huang Zus ältester Sohn, Ye schätzte die Begabung von Ni Heng sehr hoch. Als jemand einmal einen Papagai als Geschenk mitbrachte, ließ er Ni Heng darüber eine poetische Beschreibung über den Papagai (Yingwufu) dichten. Dieser schrieb dann fließend, "ohne im Text etwas hinzufügen zu müssen": 文不加點. LSY hat die letzten drei Zeichen aus der Yingwufu als Zitat übernommen, um dadurch auf Ni Heng anzuspielen.
Man mußte sich nicht schämen: Guo Tai war ein bekannter und verehrter Gelehrte am Ende der Han-Zeit. Er starb mit 42 im Frühling 169, einem Jahr danach, als die Palasteunuchen die Macht am Hof zu sich griffen, viele Beamten und Literaten (unter ihnen auch Guos Freunde) massakrierten und Guo zu fliehen zwangen. Zu seinem Begräbnis strömten die Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Sie stellten für ihn einen Grabstein auf, dessen Inschrift von Cai Yong (132-192) 蔡邕 formuliert wurde, der danach das Folgende gesagt hatte: "Ich ließ schon viele Inschriften in Steine einmeißeln, aber bei jeder habe ich mich wegen der Moral (des Verstorbenen) geschämt.* Es gab nur Guo Tai, weswegen mich keine Schamröte überlief. " (*D.h.: er mußte Unwahrheiten schreiben, den Charakter des Toten verschönert darstellen.)
Im Stein bildet sich Gold: Jia Kui (174-228) war unter dem Kaiser Wen der Wei-Dynastie Präfekt in Yuzhou (in der heutigen Henan). Nach seinem Tod bekam er einen Grabstein. Nach etwa 80 Jahren, am Anfang des 3. Jahrhunderts bildete sich Gold in dem Stein. Man meißelte es natürlich heraus, um es zu verkaufen, aber das Gold wuchs ständig wieder nach.
*****
Paraphrase:
Linghu Chus Inschrift wird bewahrt wie die des Ji Zha aus Yanling.
Sein Ruhm wird so aufgehen wie der Berg Xian die versenkte Steintafel des Du Yu freigibt.
Ich kann damit ruhig prahlen, daß ich den Text seiner Inschrift sofort fehlerfrei formulieren konnte, genau so, wie Ni Heng das Prosagedicht über den Papagai. [Dieses Geschick habe ich dem verstorbenen Linghu Chu zu verdanken.]
Es verhält sich so, als wäre diese Inschrift gleichzusetzen mit der des Cai Yong, der sich wegen der Worte, die er über Guo Tai lobend niederschrieb, nicht schämen mußte, da sie der Wahrheit vollkommen entsprachen.
Selbst wenn ich hundertmal wiedergeboren wäre, wäre mein ganzes Leben schließlich nicht genug, für alles zu danken, was er (= Linghu Chu) für mich getan hat;
und selbst wenn man mich im Falle eines Mißerfolgs dafür mit dem neunfachen Tod bestrafen würde, wäre es mir sicherlich schwer, alle seine Taten in die Steintafel einzugravieren.
Wenn ich so lange warten könnte, bis sich im Stein Gold bilden wird, wie im Gedenkstein des Jia Kui,
würden sich Flußtäler zu Ebenen und Ebenen zu Flußtälern verwan-deln, nur damit sein Grabstein mit der Inschrift erhalten bleiben kann. Was auch geschehen mag, sein Ruhm bleibt verewigt.
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Kommentar:
"Da mein Leben anderen Menschen keinen Nutzen hatte, brauche ich nach meinem Tode keinen Ehrennamen. Am Tage der Beerdigung sollen keine Trommel geschlagen werden. Die Inschriften sollen nur wegen unseres Klans verfaßt werden, und derjenige, der den Pinsel ergreifen [den Text formulieren] wird, soll nicht von denen ausgewählt werden, die einen hohen Rang innehaben", befahl Linghu Chu seinen Söhnen, bevor er starb. So fiel die Wahl auf LSY, der dieser Bedingung vollkommen entsprach.
Wenn die Inschrift, die LSY vermutlich noch vor seiner Heirat verfaßt hat, erhalten geblieben wäre, wäre auch diesem Gedicht sicherlich die gebürende Beachtung nicht erspart worden. Es sollte nämlich viel mehr Aufmerksamkeit verdienen als es bekommt, vor allem aus inhaltlicher Sicht. Denn eine derart leidenschaftliche Betonung der Dankbarkeit, die hier geschildert wird, paßt durchaus nicht ins Bild eines Mannes, der die Fraktion zu wechseln und dabei seinem Wohltäter undankbarerweise den Rücken zu kehren beabsichtigt.
Daß LSY in die Fraktionskämpfe hineingezogen wurde, geschah vollkommen wider seinen Willen. Er fühlte sich Linghu Chu wegen dessen Güte, und nicht wegen der Fraktionszugehörigkeit zugezogen. Selbst die Heirat mit der Tochter des Wang Maoyuan bedeutete nicht die Abnahme der tiefen Gefühle dem verstorbenen Herrn gegenüber.
In mehreren Versen hindurch wird auf Grabinschriften berühmter Persönlichkeiten angespielt, nur im Halspaar weicht LSY davon ab, um seinen tiefen Dank auszudrücken; dabei deutet er auch die Inschrift an, die er gerade fertiggestellt hat. Er beklagt, daß er keine Möglichkeit mehr besitzt, alles zu vergelten; zu seinen Lebzeiten wird es ihm nicht mehr gegeben sein, zu erfahren, wie sich in Linghu Chus Grabstein Gold bildet. Aber diese Tatsache bedeutet auch, daß Linghus Ruhm sich in die ferne Zukunft erstrecken wird; und erst in den Zeiten, als diese Inschrift auf der "Ebene, wo sich die Phönixe zur Ruhe begeben" (Fengqiyuan) zunächst verschüttet und dann wieder freigegeben wird, werden alle deren Zeichen ein Goldstück wert sein.
Das ist es eben, wodurch Linghu Chu doch den ewigen Ruhm erlangt hat; nicht etwa durch seinen Rang als Militärgouverneur und Fürst, sondern dadurch, daß sein Leben für mindestens einen Menschen, nämlich für LSY, doch von großem Nutzen war.

Anspielungen in Li Shangyins Dichtung

Xianshoubei 峴首碑

Der Berg Xianshou 峴首 befindet sich im Norden der heutigen Provinz Hubei, am Ufer des Han-Flusses, im Süden des Kreises Xiangyang.
Der Berg wird auch von Li Bai besungen:

李白,  襄陽四首、其三
峴山臨漢江
水緑沙加雪
上有墮涙碑
青苔久磨滅
  
Der Hsien-Berg erhebt sich über dem Han-Flusse,
Dessen Wasser grün ist, dessen Ufersand schneeweiß.
Oben auf dem Berge befindet sich die Gedenktafel, die so viele Tränen benetzt haben,
Deren Inschrift blaugrünes Moos schon lange verwischt hat.

(Übers. v. Ervin von Zach, LB. V.19.)

Es gab auf dem Berg Xian zwei Gedächtnissteine:
· den Stein von Yang Hu,
· den Stein von Du Yu.
1. Yang Hu (221-278) 羊祜 wurde unter der Westlichen Jin im Jahr 269 zum Gouverneur in Jingzhou ernannt. Trotz des Krieges gegen Wu behandelte und versorgte er die dortige Bevölkerung so gut, daß sie nach seinem Tode für ihn auf dem Berg Xian, wo er einst die Landschaft zu betrachten pflegte, einen Gedächtnisstein aufstellte. Die Trauer des Volkes soll so tief gewesen sein, daß sein Nachfolger, Du Yu dieses Denkmal "Gedenkstein der fallenden Tränen" 墮涙碑 benannt hatte.
2. Du Yu (222-284) 杜預 folgte Yang Hu als Gouverneur in Jingzhou mit dem Sitz in Xiangyang. Im Sieg über Wu und im Aufbau des Bewässerungs- und Kanalsystems hatte er große Verdienste. Um seinen Ruhm unbedingt der Nachwelt zu verewigen, ließ er zwei Gedenktafeln ausschnitzen, die seine verdienstvollen Taten verkündeten. Man könne nicht wissen, ob nach hundert Jahren das hohe Flußufer selbst nicht zur Schlucht, und das tiefe Tal nicht zum Hügel werde, meinte er und ließ die eine Tafel am Berg Wan 萬山 (im Nordwesten des Kreises Xiangyang) im Han-Fluß (nach anderer Angabe in einem Teich) versenken, und die andere auf dem Berg Xian aufstellen.

Mit Yang Hu und Du Yu wird auf örtliche Befehlshaber, die moralische Prinzipien besaßen, angespielt.

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