Sunday, September 10, 2006

2 Gedichte von Li Shangyin

1. Gedicht:
牡丹

錦幃初卷衛夫人
綉被猶堆越鄂君
垂手亂翻雕玉佩
折腰爭舞鬱金裙
石家蠟燭何曾剪
荀令香爐可待熏
我是夢中傳彩筆
欲書花葉寄朝雲
Die Päonien
Der Brokatvorhang ist soeben aufgerollt - (von der) Frau (des Fürsten von) Wei.
Die bestickte Decke ist noch hingelegt - (vom) Prinzen von E in Yue.
(Durch den Tanz) der herabhängenden Arme drehen sie sich drunter und drüber - die Gürtelgehänge aus geschnitztem Jade.
Mit gebeugten Hüften tanzen (die Frauen) wetteifernd - in kurkumagelben Röcken.
Die Kerzen im Hause Shi - gab es schon je, daß (ihre Dochte) gestutzt wurden?
Das Weihrauchgefäß des Direktors Xun - wie würde man darauf warten, daß es qualmt?
Ich bin es, der im Traum den farbigen Pinsel übergibt
und die Blumenblätter beschreiben möchte, um sie an die Morgenwolke zu schicken.

LSY schrieb das Gedicht 833 in Chang'an, in der Zeit, als er die Jinshi-Prüfung abzulegen versuchte.
Ins Englische übersetzt von Graham. Ins Japanische übersetzt von Takahashi Kazumi. (Beide mit Paraphrase.)

Anmerkungen:
Chinesische Päonie: Blume des Frühlings, "Königin der Blumen". LSYs Zeitgenosse, Duan Chengshi ( ? - 863) soll in seinem Werk darüber berichtet haben, daß die Päonien im Garten von Linghu Chus Residenz, die sich im Kaihua-Stadtviertel unweit vom Eingangstor des Kaiserpalastes befand, am schönsten blühten.
Frau Wei war die Frau des Fürsten Ling (reg. zw. 534-493 v.Chr.) im Staat Wei. Als Frau Wei hörte, daß Konfuzius kam, ließ sie ihm durch einen Boten ausrichten, daß sie ihn erwartet. Die Frau befand sich hinter einem Brokatvorhang. Konfuzius kam durch das Tor herein und nach Norden gewandt verneigte er sich. Als die Frau ihn hinter dem Vorhang auch begrüßte, war das Klingen ihrer Ringe und ihres Gürtelgehänges zu hören.
Der Prinz von E war berühmt durch sein hübsches Aussehen. Er fuhr einmal mit dem Boot auf einem Fluß in Yue. Die Frau, die ruderte, sang ein Lied, um ihre Freude, mit ihm im gleichen Boot fahren zu dürfen, und die Gefühle ihrer Zuneigung auszudrücken. Der Prinz streckte darauf seine Hände aus, ging zu ihr, umarmte und bedeckte sie mit einer bestickten Decke.
Tanz der herabhängenden Arme: eine Tanzform, in der die Tanzenden ihre Arme herabhängen lassen.
Gürtelgehänge aus geschnitztem Jade: Sechs gravierte, flache Steine sollen auf eine Schnur gefädelt und miteinander verbunden gewesen sein. Es symbolisiert Tugend und Aufrichtigkeit. Auch Frauen durften es tragen.
Gebeugte Hüfte: 1. Die Dame Qi, die Lieblingskonkubine des Han-Kaisers Gaozu, verstand es gut, ihre Ärmel hochhebend und ihre Hüften biegend zu tanzen.
2. Die Frau des Generals Liang Ji (2. Jh.) war von entzückender Schönheit. Sie nahm gerne verführerische Posen an, indem sie bekümmerte Miene ansetzte und gebeugt spazierte, als könnten die Beine ihren Körper kaum halten. Die Frauen in der Hauptstadt wetteiferten, sie nachzuahmen.
Kurkumagelbe Röcke: Der aus dem Rhizom der Kurkuma (Gelbwurzel, curcuma longa) gewonnene gelbe Naturfarbstoff wurde früher zum Färben u.a. von Seide benutzt. Die Kleidung erhielt durch ihn einen wohlriechenden Duft.
Die Kerzen im Hause Shi: Shi Chong (249-300), Staats- und Lebemann während der Westlichen Jin, bekleidete veschiedene hohe Ämter und häufte ein beträchtliches Vermögen auf, wovon er im Goldenen Tal (nordwestlich von der heutigen Luoyang) einen luxuriösen Palast errichten ließ. Er war berüchtigt über seine Verschwendungssucht. Bekannt ist die Geschichte über seine für drei Scheffel Perlen gekaufte Konkubine Lüzhu. In seinem Wettstreit mit Wang Kai, in der es darum ging, wer verschwenderischer ist, ließ er statt Brennholz unzählige Kerzen - die selbst zum Leuchten teuer waren - anzünden, um damit zu kochen.
Das Weihrauchgefäß des Direktors Xun: Xun Yu (163-212) diente als Militärberater unter Cao Cao. Durch seine Verdienste wurde er auf hohen Rang erhoben, bis zum Amt des Direktors des Kaiserlichen Sekretariats. Daher nannte man ihn "Direktor Xun". Man erzählt, daß ein gewisser Liu Jihe den Weihrauch so sehr liebte, daß er von der Latrine jedesmal zum Weihrauchgefäss lief. Man tadelte ihn einmal, er sei unfein und eitel. Liu Jihe brachte daraufhin als Beispiel den Direktor Xun vor, dessen Duft gewöhnlich noch drei Tage lang über den Ort schwebte, wo er saß, wenn er jemanden besucht hatte.
Der farbige Pinsel: In seinem späten Alter sah Jiang Yan (444-505) im Traum den Dichter Guo Pu (276-324), der ihn so ansprach: "Vor vielen Jahren habe ich meinen Pinsel Euch gegeben, jetzt möchte ich ihn wiedersehen." Jiang Yan nahm darauf aus seinem Kleid einen fünffarbigen Pinsel heraus und gab ihn ihm zurück. Seitdem war in seinen Gedichten kein einziger schöne Vers mehr zu finden. Es ist aus mit seinem Talent, sagten die Zeitgenossen.
Mit dem "fünffarbigen Pinsel" wird das dichterische Talent veranschaulicht.
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Kommentar:
In acht Versen werden acht Anspielungen mit ihren Anekdoten und deren ausgedehnten Assoziationen sehr geschickt verwendet. Auffallend ist ihre parallele Stellung in den Doppelversen. Außer der Schlußverse beschreibt jeder Vers die Blumen von einem Aspekt, ohne daß dabei zwei Anspielungen auf die gleiche Eigenschaft der Blumen bezogen werden: es wird die Schönheit der Kronblätter (Vers 1) und der Kelchblätter (2), der durch den Wind verursachte Tanz der Blätter (3) und der Blüten (4), der flackernde Glanz des Gelbs (5) und der Duft (6) sinnbildlich dargestellt.
Anfangverse: Die Päonien sind gerade dabei, sich zu öffnen. Die Kronblätter sind schon geöffnet, die grünen Kelchblätter bedecken sie aber immer noch von außen schützend. Die gelben Kronblätter entsprächen demnach dem aufgerollten Vorhang, hinter dem die Frau sich zeigt. Die Kelchblätter stehen für die bestickte Decke, womit der Prinz von E seine Geliebte von außen behütet. Die Päonien werden hier mit der Frauen- und Männerschönheit verglichen.
Das Kinnpaar veranschaulicht durch Tanzformen das Schwingen der Blumen im Wind. Die Blätter bewegen sich wie die Gürtelgehänge im Tanz. Die Kelche schwingen hin und her und vibrieren vor den Augen der Zuschauer wie die gelben Röcke. Ein Windhauch läßt Tautropfen von den Blättern herabrollen, ähnlich wie die Ärmel der Tänzerinnen die Gürtelgehänge umwenden. Die herabhängenden Ärmel deuten auf die Blätter des Stengels hin, während die hochgehobenen im Tanz eher die Blüten symbolisieren. Der Windhauch wird im Vers 4 zum Windstoß, wodurch die Kelche sich beugen wie die Tänzerinnen und flattern wie deren gelbe Röcke.
Die Päonien haben gerade zu blühen begonnen - trotzdem scheinen sie schon zu voller Blüte entfaltet zu sein. Wie in den Anfangversen, wählt LSY auch im Halspaar zwei historische Persönlichkeiten mit ihren berühmten Anekdoten zum Anspielen aus. Shi Chong ließ den Kochherd mit Kerzen heizen, aber der Glanz der Päonien übertreffen den von diesen Kerzen. Die Kelche leuchten von selbst, ohne jede Hilfe, nicht wie die Kerzen, deren Docht gestutzt werden muß. Neben dem verschwenderisch schönen Glanz der Blumen ist es ihr Duft, von dem man hingerissen wird. Direktor Xun mußte wohl oft warten, bis der Weihrauch genug qualmte, um sich anzuräuchern - aber die Päonien sind nicht auf fremde Hilfe angewiesen, um zu duften.
Die Auslegung der Schlußverse ermöglicht gleichzeitig für das ganze Gedicht mehrere Interpretationsmöglichkeiten.
1. Der Pinsel von Jiang Yan, der allein würdig wäre, ein Bild über die Blumen zu malen, gehört jetzt zu dem jungen LSY. Eine Deutung des 7. Verses, "ich bin es, dem im Traum der Pinsel übergeben wurde", würde jedoch der Anekdote inhaltlich widersprechen. Dafür aber, daß LSY, der erst am Anfang seiner Laufbahn steht, den Pinsel zurückgibt, wäre noch viel zu früh. Er muß freilich einmal später den Pinsel zurückgeben; jetzt möchte er aber ihn nur insofern überreichen, als er auf die Blumenblätter einen Brief (= dieses Gedicht) schreibt, damit Linghu Chu das Ergebnis seines Unterrichts sehen kann.
2. Der Dichter besangt die Blumen, um durch sie die Frauenschönheit zu lobpreisen.
3. Das Gedicht hat weder mit Linghu Chu, noch mit einer schönen Frau zu tun , sondern ist in seiner ganzen Länge nicht mehr als eine Illustration der Schönheit der Päonien. Dagegen spricht aber die Tatsache: Wenn der Titel weggelassen würde, könnte der Leser gar nicht darauf kommen, daß es sich hier um Päonien handelt. Man stelle das Gedicht mit einem Titel Ohne Titel vor!

So bleibt kaum etwas übrig, als den Vers 7 etwas gründlicher zu betrachten und zu der
1. Interpretationsmöglichkeit zurückzukehren, da die Anspielung mit dem "farbigen Pinsel" eher das Verhältnis eines Schülers zu seinem Meister, als die Liebe eines Mannes zu einer Frau oder jemandes Bewunderung gegenüber den Päonien bezeugt. Es ist zwar nicht zu leugnen, daß mit dem Wort Morgenwolke gewöhnlich auf die Fee des Wu-Berges und durch diese auf die begehrte Frau hingedeutet wird. Aber in diesem Gedicht scheint das Binom sich auf die Sehnsucht von Linghu Chu zu beziehen, am Hof in Chang'an zu einer hohen Stellung befördert zu werden.
Linghu verließ die Hauptstadt bereits im Frühling 829 und sehnte sich unaufhörlich danach, dorthin zurückkehren zu können. Den Schmerz des Abschieds von den Päonien (und dem fröhlicheren, angenehmeren Leben) in Chang'an beklagt er auch in seinem Gedicht:
"Zehn Jahre lang habe ich die Blumen in meinem kleinen Garten nicht gesehen;
kurz bevor die purpurnen Blütenkelche sich öffnen, verlasse ich nun nochmals mein Haus.
Als ich auf dem Pferd zum Tor hinausreite, wende ich den Kopf und blicke zurück:
Wann kommt die Zeit, als ich in die Hauptstadt zurückkommen darf?"
(Anmerkung: „zehn Jahre lang“ – dichterische Übertreibung)
Linghu Chu war im Jahr 833 Militärgouverneur in Shanxi, als LSY sich wegen seines Prüfungsvorhabens im Frühjahr nach Chang'an begab und dort offensichtlich auch Linghus Residenz besuchte. Die Päonien sollen gerade in ihrer schönsten Blüte gestanden haben. Bei der Betrachtung der Päonien verfaßte der Dichter dieses Gedicht, in dem er den Wunsch äußerte, sein Meister solle bald als Hofbeamter diesen schönen Päoniengarten wiedersehen. Gleichzeitig deutete er in den Versen auch den Dank für den Beitrag des alten Generals an, ihn zu einer solchen Höhe der Dichtkunst verholfen zu haben.
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2. Gedicht:
撰彭陽公誌文畢有感

延陵留表墓
峴首送沉碑
敢伐不加點
猶當無愧辭
白生終莫報
九死諒難追
待得生金後
川原亦幾移
Empfindungen, nachdem ich die Grabinschrift des Fürsten von Pengyang verfaßt habe
Yanling hinterlässt die Inschrift,
Xianshou übergibt die versenkte Steintafel.
(Ich) wage mich zu rühmen, daß ich (der Schrift) nichts hinzugefügt habe.
(Die Inschrift) dürfte ebenbürtig sein (mit der), für deren Worte man sich nicht schämen (mußte).
Hundertmal (wieder)geboren, (könnte ich seine Güte) letzten Endes nicht vergelten.
(Selbst wenn ich) einen neunfachen Tod sterben (müsste, wäre diese Güte) zweifellos nur schwer einzugravieren.
Nachdem ich abgewartet hätte, daß sich (in diesem Grabstein) Gold bildet,
(wer weiß,) wieviele Male würden selbst die Flüsse und die Ebenen (ihre Lage) verändert haben!

Linghu Chu wurde auf der Ebene Fengqiyuan 鳳棲原, in der Nähe von Chang'an im Winter 837-38 beigesetzt. Aus dem 6. Monat 838 stammt die Trauerschrift 奠相國令狐公文, in der LSY die Grabinschrift erwähnt. Die Inschrift und danach dieses Gedicht entstanden also in der ersten Hälfte des 3. Jahres der Kaicheng-Ära (838), höchstwahrscheinlich im 1. oder 2. Monat.
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Anmerkungen:
Linghu Chu 令狐礎 (766-837) : Sein Vorfahre war Linghu Defen (583-666), der Verfasser des Zhoushu. Die Familie stammte ursprünglich aus Dunhuang, am Anfang des 7. Jahrhunderts ist sie nach Xianyang in Shaanxi umgesiedelt. Der Familienname weist auf eine nichtchinesische Abstammung hin.
Mit 26 Jahren bestand Linghu Chu die Jinshi-Prüfung. Zunächst hatte er in Taiyuan ein Amt. Ab 810 bekleidete er auch am Hof verschiedene Ämter, 819 war er erster Minister und 824 Vizegouverneur des Bezirks der östlichen Hauptstadt (Henanfu). Er wurde im Jahr 835 zum Fürsten von Pengyang (in Ost-Gansu) erhoben.
Im 4. Monat 836 wird er in der Region Shannanxidao (in einem Gebiet von 16 Präfekturen) zum Militärgouverneur ernannt. Sein Hauptquartier befand sich in Xingyuan (in der SW-Ecke von Shaanxi). Am 12. Tag des 11. Monats 837 starb er in seinem Dienstort. LSY war es, der seinen letzten Thronbericht notiert und seine Grabinschrift verfaßt hatte. Das Grab existiert natürlich nicht mehr, die Inschrift ist auch verlorengegangen.
Linghu Chu pflegte zu Bai Juyi, Yuan Zhen und Liu Yuxi freundschaftliche Beziehungen. Seine Prosa ist in Quan Tangwen, in den Kapiteln 539-543 erhalten. Die bis heute existierenden 59 Gedichte sind in Quan Tangshi, Kap.334 aufgenommen.
Zum Vers 1: Ji Zha war der vierte Sohn des Wu-Königs Shoumeng (reg. zw. 585-561 v.Chr.). Der Vater wollte ihm den Thron überlassen, aber dieser verzichtete darauf zugunsten seines Bruders. Er wurde in Yanling belehnt, wonach er den Namen Yanling Jizi 延陵季子 bekam. Im Jahr -544 ging er als Gesandter in andere Länder wie Lu, Qi, Zheng, Wei und Jin. Der Fürst des Landes Xu, wo er durchreiste, begehrte sehr Ji Zhas kostbares Schwert, ohne aber seinem Wunsch Ausdruck gegeben zu haben. Ji Zha bemerkte zwar sein Verlangen, trotzdem gab er ihm das Schwert nicht, da vor ihm noch eine lange Reise stand. Als er aber auf seinem Rückweg das Land Xu erreichte, war der Fürst schon tot. Ji Zha band daraufhin sein Schwert ab und hing es auf dem Baum am Grab des Fürsten. Auf die Frage seiner Gefolgsleute antwortete er nur: "In meinem Herzen habe ich es ihm schon versprochen. Wie könnte ich mein Gelübde brechen?"
Ji Zhas Grab befand sich in Yanling. Konfuzius sei es persönlich gewesen, der seine kurze Inschrift verfaßt hatte. Der alte Grabstein ist verlorengegangen, erst in der Kaiyuan-Ära im 8. Jh. wurde er ersetzt. Zwar spielt LSY hier nicht auf das Grab des Fürsten von Xu, sondern allein auf das von Ji Zha an, aber da die oben dargestellte Anekdote so untrennbar mit der Person Ji Zha verbunden ist, verleiht die Wahl dieser Anspielung dem 1. Vers gleichzeitig eine Nuance des Schuldgefühls gegenüber dem Verstorbenen.
Zum Vers 2: → Anspielung Xianshoubei 峴首碑
Der Berg Xianshou 峴首 befindet sich im Norden der heutigen Provinz Hubei, am Ufer des Han-Flusses, im Süden des Kreises Xiangyang.
Der Berg wird auch von Li Bai besungen:
李白,  襄陽四首、其三
峴山臨漢江
水緑沙加雪
上有墮涙碑
青苔久磨滅
  
Der Hsien-Berg erhebt sich über dem Han-Flusse,
Dessen Wasser grün ist, dessen Ufersand schneeweiß.
Oben auf dem Berge befindet sich die Gedenktafel, die so viele Tränen benetzt haben,
Deren Inschrift blaugrünes Moos schon lange verwischt hat.
(Übers. v. Ervin von Zach, LB. V.19.)

Es gab auf dem Berg Xian zwei Gedächtnissteine:
· den Stein von Yang Hu,
· den Stein von Du Yu.
1. Yang Hu (221-278) 羊祜 wurde unter der Westlichen Jin im Jahr 269 zum Gouverneur in Jingzhou ernannt. Trotz des Krieges gegen Wu behandelte und versorgte er die dortige Bevölkerung so gut, daß sie nach seinem Tode für ihn auf dem Berg Xian, wo er einst die Landschaft zu betrachten pflegte, einen Gedächtnisstein aufstellte. Die Trauer des Volkes soll so tief gewesen sein, daß sein Nachfolger, Du Yu dieses Denkmal "Gedenkstein der fallenden Tränen" 墮涙碑 benannt hatte.
2. Du Yu (222-284) 杜預 folgte Yang Hu als Gouverneur in Jingzhou mit dem Sitz in Xiangyang. Im Sieg über Wu und im Aufbau des Bewässerungs- und Kanalsystems hatte er große Verdienste. Um seinen Ruhm unbedingt der Nachwelt zu verewigen, ließ er zwei Gedenktafeln ausschnitzen, die seine verdienstvollen Taten verkündeten. Man könne nicht wissen, ob nach hundert Jahren das hohe Flußufer selbst nicht zur Schlucht, und das tiefe Tal nicht zum Hügel werde, meinte er und ließ die eine Tafel am Berg Wan 萬山 (im Nordwesten des Kreises Xiangyang) im Han-Fluß (nach anderer Angabe in einem Teich) versenken, und die andere auf dem Berg Xian aufstellen.
Mit Yang Hu und Du Yu wird auf örtliche Befehlshaber, die moralische Prinzipien besaßen, angespielt.
In diesem Vers werden Ort und Geschehen auf den ersten Blick irrtümlich miteinander verbunden. Die Gedenktafel von Du Yu wurde nämlich am Berg Wan - und nicht am Berg Xian - ins Wasser versenkt. Dieser Widerspruch im Vers 2 löst sich durch die folgende Auslegung auf: Der Berg Xianshou gibt frei, was am Berg Wan versenkt wurde.
Es ist möglich, daß LSY hier nicht nur auf die Steintafel von Du Yu, sondern zugleich auch auf das Denkmal von Yang Hu mitanspielen wollte, um seine Schmerzen wegen Linghu Chus Tod zum Ausdruck zu bringen.
Nichts hinzugefügt: Huang Zus ältester Sohn, Ye schätzte die Begabung von Ni Heng sehr hoch. Als jemand einmal einen Papagai als Geschenk mitbrachte, ließ er Ni Heng darüber eine poetische Beschreibung über den Papagai (Yingwufu) dichten. Dieser schrieb dann fließend, "ohne im Text etwas hinzufügen zu müssen": 文不加點. LSY hat die letzten drei Zeichen aus der Yingwufu als Zitat übernommen, um dadurch auf Ni Heng anzuspielen.
Man mußte sich nicht schämen: Guo Tai war ein bekannter und verehrter Gelehrte am Ende der Han-Zeit. Er starb mit 42 im Frühling 169, einem Jahr danach, als die Palasteunuchen die Macht am Hof zu sich griffen, viele Beamten und Literaten (unter ihnen auch Guos Freunde) massakrierten und Guo zu fliehen zwangen. Zu seinem Begräbnis strömten die Menschen aus allen Himmelsrichtungen. Sie stellten für ihn einen Grabstein auf, dessen Inschrift von Cai Yong (132-192) 蔡邕 formuliert wurde, der danach das Folgende gesagt hatte: "Ich ließ schon viele Inschriften in Steine einmeißeln, aber bei jeder habe ich mich wegen der Moral (des Verstorbenen) geschämt.* Es gab nur Guo Tai, weswegen mich keine Schamröte überlief. " (*D.h.: er mußte Unwahrheiten schreiben, den Charakter des Toten verschönert darstellen.)
Im Stein bildet sich Gold: Jia Kui (174-228) war unter dem Kaiser Wen der Wei-Dynastie Präfekt in Yuzhou (in der heutigen Henan). Nach seinem Tod bekam er einen Grabstein. Nach etwa 80 Jahren, am Anfang des 3. Jahrhunderts bildete sich Gold in dem Stein. Man meißelte es natürlich heraus, um es zu verkaufen, aber das Gold wuchs ständig wieder nach.
*****
Paraphrase:
Linghu Chus Inschrift wird bewahrt wie die des Ji Zha aus Yanling.
Sein Ruhm wird so aufgehen wie der Berg Xian die versenkte Steintafel des Du Yu freigibt.
Ich kann damit ruhig prahlen, daß ich den Text seiner Inschrift sofort fehlerfrei formulieren konnte, genau so, wie Ni Heng das Prosagedicht über den Papagai. [Dieses Geschick habe ich dem verstorbenen Linghu Chu zu verdanken.]
Es verhält sich so, als wäre diese Inschrift gleichzusetzen mit der des Cai Yong, der sich wegen der Worte, die er über Guo Tai lobend niederschrieb, nicht schämen mußte, da sie der Wahrheit vollkommen entsprachen.
Selbst wenn ich hundertmal wiedergeboren wäre, wäre mein ganzes Leben schließlich nicht genug, für alles zu danken, was er (= Linghu Chu) für mich getan hat;
und selbst wenn man mich im Falle eines Mißerfolgs dafür mit dem neunfachen Tod bestrafen würde, wäre es mir sicherlich schwer, alle seine Taten in die Steintafel einzugravieren.
Wenn ich so lange warten könnte, bis sich im Stein Gold bilden wird, wie im Gedenkstein des Jia Kui,
würden sich Flußtäler zu Ebenen und Ebenen zu Flußtälern verwan-deln, nur damit sein Grabstein mit der Inschrift erhalten bleiben kann. Was auch geschehen mag, sein Ruhm bleibt verewigt.
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Kommentar:
"Da mein Leben anderen Menschen keinen Nutzen hatte, brauche ich nach meinem Tode keinen Ehrennamen. Am Tage der Beerdigung sollen keine Trommel geschlagen werden. Die Inschriften sollen nur wegen unseres Klans verfaßt werden, und derjenige, der den Pinsel ergreifen [den Text formulieren] wird, soll nicht von denen ausgewählt werden, die einen hohen Rang innehaben", befahl Linghu Chu seinen Söhnen, bevor er starb. So fiel die Wahl auf LSY, der dieser Bedingung vollkommen entsprach.
Wenn die Inschrift, die LSY vermutlich noch vor seiner Heirat verfaßt hat, erhalten geblieben wäre, wäre auch diesem Gedicht sicherlich die gebürende Beachtung nicht erspart worden. Es sollte nämlich viel mehr Aufmerksamkeit verdienen als es bekommt, vor allem aus inhaltlicher Sicht. Denn eine derart leidenschaftliche Betonung der Dankbarkeit, die hier geschildert wird, paßt durchaus nicht ins Bild eines Mannes, der die Fraktion zu wechseln und dabei seinem Wohltäter undankbarerweise den Rücken zu kehren beabsichtigt.
Daß LSY in die Fraktionskämpfe hineingezogen wurde, geschah vollkommen wider seinen Willen. Er fühlte sich Linghu Chu wegen dessen Güte, und nicht wegen der Fraktionszugehörigkeit zugezogen. Selbst die Heirat mit der Tochter des Wang Maoyuan bedeutete nicht die Abnahme der tiefen Gefühle dem verstorbenen Herrn gegenüber.
In mehreren Versen hindurch wird auf Grabinschriften berühmter Persönlichkeiten angespielt, nur im Halspaar weicht LSY davon ab, um seinen tiefen Dank auszudrücken; dabei deutet er auch die Inschrift an, die er gerade fertiggestellt hat. Er beklagt, daß er keine Möglichkeit mehr besitzt, alles zu vergelten; zu seinen Lebzeiten wird es ihm nicht mehr gegeben sein, zu erfahren, wie sich in Linghu Chus Grabstein Gold bildet. Aber diese Tatsache bedeutet auch, daß Linghus Ruhm sich in die ferne Zukunft erstrecken wird; und erst in den Zeiten, als diese Inschrift auf der "Ebene, wo sich die Phönixe zur Ruhe begeben" (Fengqiyuan) zunächst verschüttet und dann wieder freigegeben wird, werden alle deren Zeichen ein Goldstück wert sein.
Das ist es eben, wodurch Linghu Chu doch den ewigen Ruhm erlangt hat; nicht etwa durch seinen Rang als Militärgouverneur und Fürst, sondern dadurch, daß sein Leben für mindestens einen Menschen, nämlich für LSY, doch von großem Nutzen war.

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